Lesefrüchte

"Seeland Schneeland" von Mirko Bonné

In einem Schneeorkan über dem Nordatlantik vor hundert Jahren beschwört dieser Roman die Kraft der Liebe. Genau die richtige Lektüre für unsere zerbrechliche Gegenwart.

Wales 1921. Eine Zeit des Umbruchs. Millionen junger Männer sind nicht aus dem Weltkrieg zurückgekommen. Die Spanische Grippe hat in fast jeder Familie Opfer gefordert. In der heruntergekommenen Hafenstadt Newport sitzt Firmenerbe Merce Blackboro in seinem Kontor und bläst Trübsal.

Die Leserinnen und Leser kennen ihn aus Bonnés Roman "Der eiskalte Himmel" (2006), der aus Blackboros Sicht von der Endurance-Expedition Ernest Shackletons in die Antarktis erzählt. Eine Erfahrung, die es Merce Blackboro nun unmöglich macht, ins normale Leben zurückzukehren. Zudem leidet er an verschmähter Liebe.

Seine Jugendliebe Ennid Muldoon will nichts von ihm wissen. Die junge Frau plant, in Amerika ein neues Leben zu beginnen und schifft sich mit hunderten Auswanderern auf der Orion ein. Ein Schiff, auf dem auch der Multimillionär Diver Robey, ein Saufbold, Flugvisionär und Menschenfreund, den Atlantik überqueren will.

In den Lichtspielhäusern an Land läuft Charlie Chaplins "The Kid", die armen Leute der Dritten Klasse unter Deck riechen nach saurem Brot. Es ist als habe Bonné jede Schlagzeile aus dem Februar 1921 verinnerlicht. Plastisch und detailreich zeichnet er ein Bild der Zeit. Besonders stark ist der Text, wenn es um Naturphänomene und Landschaft geht. Abwechselnd fokussiert die Erzählinstanz die unterschiedlichen Figuren.

Und das kann dann wirklich nur die Literatur: Plötzlich nimmt dieser Abenteuerroman, der in der Winterdepression beginnt, eine märchenhafte Wendung. Mitten in der Katastrophe weist die Liebe den Figuren den Weg. Was könnte mehr Trost und Ablenkung bieten in unserer unkontrollierbaren Gegenwart?

Eine Rezension von Mareike Ilsemann

Literaturangaben:
Mirko Bonné: Seeland Schneeland
Schöffling & Co, 448 Seiten, 24 Euro