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"Saison der Wirbelstürme" von Fernanda Melchor

Buchcover: "Saison der Wirbelstürme" von Fernanda Melchor

Lesefrüchte

"Saison der Wirbelstürme" von Fernanda Melchor

Ein Mord ist der Ausgangspunkt für Fernanda Melchors ersten ins Deutsche übertragenen Roman "Saison der Wirbelstürme". Doch ist dieser furiose Roman viel mehr als ein Krimi. Der magische Realismus, für den die lateinamerikanische Literatur so bekannt ist, wandelt sich hier zum realistischen Albtraum.

Fernanda Melchor rollt die Geschichte des Mordes aus verschiedenen Perspektiven auf, lässt ein ganzes Ensemble von Figuren als Ich-Erzähler zu Wort kommen. Dabei kriecht der Leser förmlich ins Hirn und Herz der unseeligen Gestalten, die von Hitze, Armut und Gewalt geplagt ihr trostloses Dasein an einer Durchfahrtsstraße fristen.

Fernanda Melchor entwirft in "Saison der Wirbelstürme" ein verstörend hässliches Bild einer abgehängten Gesellschaft jenseits jedweder Moralvorstellungen. Sie bedient sich häufig drastischer Bilder, die Ekel hervorrufen – und scheut auch vor heftigen pornografischen Passagen nicht zurück. Dies sei hier gesagt, um empfindlichen Gemütern von der Lektüre abzuraten. Allen anderen aber sei dieser furiose Roman dringlichst ans Herz gelegt.

Melchors Sprache, die Übersetzerin Angelica Ammar kongenial in ein sehr gut lesbares Deutsch überführt, fesselt von der ersten Zeile an. Ihre Sätze winden sich endlos lang und atemlos über Seiten hinweg und entfalten in ihrem Rhythmus und ihrer assoziativen Kraft einen unwiderstehlichen Sog, der einen immer tiefer hineinzieht in die Hölle, in der Melchors Figuren leben.

Ein Roman, der nicht moralisiert – und genau dadurch eine Erschütterung auslöst, die lange nachhallt. Ein Roman, dessen Geschichten so ungerecht und hart sind, dass er einen benommen macht. Und trotz all der geschilderten Widerwärtigkeiten ist es ein Roman, der in all seiner sprachlichen Maßlosigkeit begeistert und auch manchmal in einem kleinen Aufblitzen Schönheit feiert.

Die "Saison der Wirbelstürme" verlässt man mit einem Gefühl des Schreckens – und der Gewissheit einen ganz besonderen Roman gelesen zu haben.

Eine Rezension von Christoph Ohrem

Literaturangaben:
Fernanda Melchor: Saison der Wirbelstürme
Aus dem mexikanischen Spanisch von Angelica Ammar
Wagenbach, 240 Seiten, 22 Euro

Stand: 15.03.2019, 11:23