"Reise nach Maine" von Matthias Nawrat

Buchcover: "Reise nach Maine" von Matthias Nawrat

Lesefrüchte

"Reise nach Maine" von Matthias Nawrat

Mit der eigenen Mutter in Urlaub zu fahren wird für den Ich-Erzähler zur Herausforderung. Nicht nur wegen der Sommerhitze. Der Autor Matthias Nawrat erzählt von einer erkenntnisreichen Reise, die Verschüttetes zu Tage bringt.

Kaum sind Mutter und Sohn in New York City angekommen, spricht Celina fast nur noch über sich selbst. Die gemeinsame Reise mit ihrem Sohn lässt sie über ihr eigenes Leben nachdenken. Sie lässt Erinnerungen an ihr Leben als junge Frau hochkommen und denkt über ihre gescheiterte Ehe nach.

Doch ihr Sohn ist wütend. Er möchte einfach nur New York City genießen und nicht mit Familienthemen belastet durch die Stadt streifen. Ihn wurmt es auch, dass seine Mutter in der zweiten Woche nicht wie geplant Freunde in Texas besuchen wird, sondern mit ihm nach Maine fahren möchte, um das Meer zu sehen. Als seine Mutter durch einen kleinen Unfall noch mehr Aufmerksamkeit von der Außenwelt erhält, kommt der Sohn nicht umhin, sich auf sie einzulassen.

In "Eine Reise nach Maine" erzählt Matthias Nawrat mit feinem Gespür über Lebensgeschichten, die man hinter sich lassen kann, um einen neuen Weg einzuschlagen. Als ob man einen Raum verlässt, in dem man sich zu lange aufgehalten hat. So begibt sich auch die Mutter-Figur im Roman in neue Gefilde.

Ein Befreiungsakt, der auch dem Sohn neue Perspektiven eröffnet. Für ihn entwickelt sich die gemeinsame Reise zu einer unfreiwilligen Konfrontation mit seiner Familiengeschichte, die Parallelen zu Nawrats eigenem Leben aufweist. Denn seine Hauptfiguren sind ebenso osteuropäische Auswanderer, die sich Ende der 1980er Jahre in Deutschland ein neues Leben aufgebaut haben.

Der in Berlin lebende Matthias Nawrat gehört zu den interessantesten deutschsprachigen Schriftstellern. Im letzten Jahr wurde er mit dem Literaturpreis der Europäischen Union ausgezeichnet, sein zuletzt erschienener Roman "Der traurige Gast" war unter anderem für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Mit "Reise nach Maine" bestätigt er den ausgezeichneten Ruf, den er sich seit seinem Debüt 2012 erschrieben hat.

Eine Rezension von Claudia Cosmo

Literaturangaben:
Matthias Nawrat: Reise nach Maine
Rowohlt, 224 Seiten, 22 Euro

Stand: 23.07.2021, 12:52