"Paradais" von Fernanda Melchor

Buchcover: "Paradais" von Fernanda Melchor

Lesefrüchte

"Paradais" von Fernanda Melchor

In ihrem neuen Roman widmet sich Fernanda Melchor zwei Außenseitern, die aus Bosheit, Naivität und Perspektivlosigkeit ein schreckliches Verbrechen begehen.

Paradais - So klingt das Englische "paradise" mit starkem spanischem Akzent. Ob nun Paradise oder Paradais. Die so benannte Wohnanalage an der mexikanischen Küste ist ein sehr schönes und luxuriöses Fleckchen Erde. Allerdings nicht für Polo.

Der Sechzehnjährige ist bettelarm und lebt mit seiner Cousine und seiner Mutter in einer beengten Hütte fernab der Nobelgegend. Tagsüber arbeitet er auf einem der Anwesen dort als Gärtner. Nachts trifft sich Polo mit Franco "dem Dicken", wie er ihn nennt. Der ist so alt wie er selbst, stammt aber aus einer wohlhabenden Familie. Er erzählt ohne Unterlass seine Sexfantasien, in denen die Frau eines der Bewohner von Paradais die zweifelhafte Hauptrolle spielt. Aus dem schnapstrunkenen Gelaber von Franco entwickelt sich im Laufe des Romans ein schreckliches Verbrechen.

Wir erleben die Welt von Paradais durch Polos Augen. Seine Sprache ist geprägt durch Machismo, Schwulenfeindlichkeit und Misogynie. Das macht ihn wenig sympathisch. Faszinierend aber ist es zu erleben, wie sich trotz der fokussierten Erzählweise nach und nach ein sehr plastisches und umfassendes Bild des Milieus vermittelt, in das Polo hier als Gärtner eintaucht.

Fernanda Melchor verpackt die Handlung in teils endlose Sätze, die einen förmlich mitreißen. Drastische Sprache, pornografische Elemente und explizite Gewaltdarstellung machen diesen Roman zu keiner angenehmen, aber im guten Sinne irritierenden Lektüre.

Melchor beschreibt in "Paradais" eine Welt, in der Menschen, die Gewalt erfahren, schließlich auch Gewalt ausüben. Die Autorin findet dafür eine aufrüttelnde und energiegeladene Sprache, die Angelica Ammar ansprechend ins Deutsche übertragen hat.

Eine Rezension von Christoph Ohrem

Literaturangaben:
Fernanda Melchor: Paradais
Aus dem mexikanischen Spanisch von Angelica Ammar
Verlag Klaus Wagenbach, 2021
144 Seiten, 18 Euro

Stand: 03.09.2021, 17:12