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"Mr. Wilder und ich" von Jonathan Coe

Buchcover: "Mr. Wilder und ich" von Jonathan Coe

Lesefrüchte

"Mr. Wilder und ich" von Jonathan Coe

Ein alter Mann (reich und berühmt) und eine junge Rucksacktouristin (pleite und abgerissen) treffen sich per Zufall in einem der angesagtesten Restaurants von Beverly Hills. Bei dem alten Mann handelt es sich um den Meister der filmischen Komödie, um Billy Wilder. Die junge Frau hat noch nie von ihm gehört.

Entsprechend unbefangen begegnet sie ihm. Als Wilder sie engagiert, während der Dreharbeiten zu seinem vorletzten Film "Fedora" auf einer griechischen Insel als Übersetzerin zu fungieren, sagt sie zu. Und hält die Augen offen.

Nichts von alldem stimmt. Die junge Frau hat es nie gegeben. Sie ist der Fantasie des britischen Autors Jonathan Coe entsprungen. Sein soeben erschienener Roman "Mr. Wilder & ich" könnte dennoch wie abgemalt eine längst vergangene Realität wiedergeben. Sein Roman: ein riskantes Abenteuer, die Geschichte Billy Wilder unbefangen, losgelöst von der Frage nach dem Wahrheitsgehalt gänzlich neu zu erzählen.

Es klappt. Coe trifft nicht nur den Ton, der einen der besten Regisseure aller Zeit zutreffend beschreibt. Sondern mithilfe seiner Kunstfigur, dieser jungen Griechin, lässt er fiktive Szenen ebenso glaubhaft erscheinen mit seine teils wahren, dem Geschehen untermischten Begebenheiten, die durchaus stimmen könnten, es aber nicht unbedingt müssen.

So humorvoll und komisch, so nah, so treffend schildert er die Querelen unter den Schauspielern, die Starrsinnigkeit eines alternden Billy Wilders, das ganze unglückselige Setting zu einem Film, der sich als Flopp erweisen sollte. Anders als Coes Doku-Fiktion, die eher das Zeug für einen Durchstarter hat.

Eine Rezension von Ingrid Müller-Münch

Literaturangaben:
Jonathan Coe: Mr. Wilder und ich
Aus dem Englischen von Cathrine Hornung
Folio Verlag, 2021
12 Euro, 277 Seiten

Stand: 10.09.2021, 12:09