Buchcover: "Mr. Loverman" von Bernadine Evaristo

Lesefrüchte

"Mr. Loverman" von Bernadine Evaristo

Stand: 03.03.2023, 12:19 Uhr

Für die Wahrheit ist es nie zu spät: Bernardine Evaristo erzählt in einem tragisch-komischen Streifzug durch die karibische Community Londons, die Geschichte eines späten Coming-Outs.

Barrington Jedidiah Walker, kurz Barry, scheint in der Zeit stecken geblieben zu sein. Um ihn herum tobt die bunte Welt Londons des 21. Jahrhunderts, er verlässt das Haus nicht ohne Maßanzug im Stil der 1950er. Die LGBTQ-Bewegung setzt gesellschaftliche Maßstäbe, er lebt seine Homosexualität noch immer heimlich aus.

Seit den gemeinsamen Jugendtagen auf Antigua liebt Barry den herzensguten Morris. Das Problem: Barry ist verheiratet und hat all die Jahrzehnte ein Doppelleben vorgezogen. Doch nun im Alter von 74 soll Schluss mit der Lebenslüge sein. Barry will die Ehe mit der unzufriedenen Carmel beenden und endlich mit Morris zusammen sein. Fragt sich nur, wann er die Bombe hochgehen lässt. Bis es so weit ist, blickt Barry auf viele Jahrzehnte des Doppellebens zurück.

Die tief verinnerlichte Homophobie der karibischen Gesellschaft ist mit ihm nach England gereist. Die Pfingstgemeinde seiner Frau verbreitet immer noch Schwulenfeindlichkeit. In England ist Barry auf promisken Streifzügen durch Londoner Parks zusammengeschlagen worden. Wie oft hätte es aber auch Menschen gegeben, denen er sich hätte offenbaren können.

In der persönlichen Geschichte Barrys spiegelt sich britische Gesellschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts – lebendig und dank des schnittigen Barry, sehr witzig erzählt. Evaristo schreibe über das moderne Großbritannien "wie keine Zweite", hieß es im Guardian. Recht hat er.

Tanja Handels hat das Patois Barrys in ein jungenhaftes, großspuriges Deutsch übersetzt, das die Haltung Barrys sehr gut wieder gibt. Poetisch, ohne Satzzeichen, kraftvoll wie ein Gospel-Song kommen die Passagen daher, in der aus der Perspektive der betrogenen Ehefrau erzählt wird.

Evaristos Charaktere sind niemals Opfer. Das ist so großartig an ihren Romanen. Während in der Realität neue Gräben im in der Diskussion um Woke- und Cancel-Culture aufgerissen werden, weist die Fiktion für Gesellschaft und Individuum versöhnliche Perspektiven auf.

Eine Rezension von Mareike Ilsemann

Literaturangaben:
Bernardine Evaristo: Mr. Loverman
Aus dem Englischen von Tanja Handels
Tropen, 2023
336 Seiten, 25 Euro