"Madrigal" von John Wray

Buchcover: "Madrigal" von John Wray

Lesefrüchte

"Madrigal" von John Wray

John Wray schreibt eigentlich auf Englisch. Nun liegt der erste Erzählband in seiner Muttersprache Deutsch vor. Ein Erlebnis. Satz für Satz zieht uns Wray in die Welten seiner abgründigen Figuren hinein.

John Wray gehört selbst zwei Welten an. Seine Mutter stammt aus Österreich. So wuchs Wray in Buffalo, USA, und in Kärnten auf. Ihm reichten vier Romane, um zu den mittleren Schwergewichten der zeitgenössischen amerikanischen Literatur gezählt zu werden. Zuletzt sorgte er mit "Das Geheimnis der verlorenen Zeit" für Aufruhr.

Mit "Madrigal" legt Wray nun erstmals einen Erzählband vor, den er auf Deutsch geschrieben hat. Beim Lesen stellen sich schnell Fremdheitserfahrungen ein. Zum einen schwebt die Welt in einem "born in translation"-Zustand. Schließlich denken und sprechen amerikanische Figuren hier auf Deutsch; es ist seltsam, wenn ein Südstaatler den anderen als Hinterwäldler bezeichnet. Zum anderen wählt Wray ausgefallene Perspektiven und Figuren.

Zusätzlich tauchen in den Geschichten von Anfang an Ungereimtheiten und Sonderlichkeiten auf. Warum reflektiert ein Stiefvater so viel über die Beziehung zur Stieftochter? Warum hat er solche Angst, als er mit dem Kind im Wagen in eine Verkehrskontrolle gerät? Ein Kleinkind nimmt die Eltern als bedrohlich wahr.

Erst später wird klar, welchen Einfluss seine Welterfahrung auf seine Psyche hat. Ein Sohn findet seinen Vater mehr als wunderlich, als dieser ein seltsames Haus im Garten errichtet. Ist der Vater dement? Oder hat der Sohn nicht alle Tassen im Schrank? Das Unheimliche lauert im Vertrauten.

Kleine Abweichungen vom Normalen könnten schon Hinweise auf das Ungeheuerliche sein. Wer sagt denn, dass das, was Sie glauben wahrzunehmen, der Realität entspricht? Meisterhaft nutzt John Wray die Kurzform der Erzählung, um Gewissheiten einzureißen: Ein unwiderstehliches Leseabenteuer.

Eine Rezension von Mareike Ilsemann

Literaturangaben:
John Wray: Madrigal. Erzählungen
Rowohlt, 144 Seiten, 22 Euro

Stand: 30.04.2021, 16:33