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"Levys Testament" von Ulrike Edschmid

Buchcover:  "Levys Testament" von Ulrike Edschmid

Lesefrüchte

"Levys Testament" von Ulrike Edschmid

Vom Hausbesetzer und politischen Aktivisten zum Theaterregisseur – Ulrike Edschmids neuer Roman "Levys Testament" zeichnet den Weg eines wandlungsfähigen Helden durch die Irrungen und Wirrungen des Lebens nach, der erst spät zu tieferen Erkenntnissen über seine jüdische Herkunft gelangt.

Idealismus hat sie 1972 zusammengebracht – als sie gemeinsam gegen das Establishment, gegen die Großprofiteure des Kapitalismus, gegen die Ideologie von Besitz und Vermögenswucher ankämpften. Obwohl die Liebe zwischen dem "Engländer" und der Ich-Erzählerin in Ulrike Edschmids neuem Roman "Levys Testament" endet, bleiben die Gedanken der Protagonistin noch lange bei dem Aktivisten.

Indem sie dessen bewegtes Leben vor den Augen der LeserInnen noch einmal Revue passieren lässt, zeichnet sie eine Biografie voller Wendungen nach: vom Hausbesetzer, über die Gründung einer migrantischen Theatergruppe bis zu dessen später Aufdeckung von Geheimnissen seiner jüdischen Abstammung reicht der Weg des politischen Vagabunden.

Die Vorbilder dieses Textes liegen auf der Hand. Neben Homers "Odyssee" denkt man insbesondere an Goethes Werk "Wilhelm Meisters Lehrjahre". Nachdem sich hierin ein Sinnsucher nach einer Reise durch Irrungen und Wirrung, mit längerem Halt im Theaterbetrieb, zum gereiften Subjekt entwickelt, wurde der Klassiker rasch zum Inbegriff des Bildungsromans.

Edschmid übersetzt den Roman nunmehr frei und anmutig in das 21. Jahrhundert. Und zwar weniger aus intellektuellem Eifer als vielmehr aus allzu menschlichen Erwägungen heraus – fragt sie doch grundsätzlich danach, was Identität ausmacht und welchen Widrigkeiten die humane Existenz ausgesetzt ist. Entstanden ist dabei ein berührender Entwurf: lakonisch im Ton, empathisch in der Figurenzeichnung. In jeder Zeile spürt man die Fülle des Daseins.

Eine Rezension von Björn Hayer

Literaturangaben:
Ulrike Edschmid: Levys Testament
Suhrkamp Verlag, 144 Seiten, 20 Euro

Stand: 18.06.2021, 16:28