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"Jarmy und Keila" Isaac Bashevis Singer

Buchcover: "Jarmy und Keila" Isaac Bashevis Singer

Lesefrüchte

"Jarmy und Keila" Isaac Bashevis Singer

In "Jarmy und Keila" lässt Literaturnobelpreisträger Isaac B. Singer mit Charme und viel Herzblut – und mit einem Schuss sentimentaler Idealisierung – das jüdische Kleinganoventum des frühen Zwanzigsten Jahrhunderts lebendig werden.

Vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs beherbergte Warschau, drittgrößte Stadt des Zarenreichs, die bedeutendste jüdische Gemeinde Europas: 300.000 Menschen lebten in Warschaus Judenquartieren – ein versunkener Kosmos, untergegangen in den Schrecken der Shoa. Der Rabbinersohn Isaac Bashevis Singer, in der Krochmalna-Straße nahe der Altstadt aufgewachsen, hat dem untergegangenen jüdischen Leben der polnischen Hauptstadt in unzähligen Romanen und Erzählungen ein literarisches Denkmal gesetzt – und nun auch in seinem Nachlassroman "Jarmy und Keila".

Auch in diesem Werk ist die Krochmalna-Straße ein zentraler Schauplatz. Hier gibt sich 1911 die Halb- und Unterwelt der polnischen Hauptstadt ein Stelldichein: Typen wie Itsche Einauge, Schmul Schmand und die Dicke Reitzele treten auf – und natürlich das titelgebende Liebespaar: der Taschendieb außer Dienst Jarmy Stachel und die Ex-Prostituierte Keila – wegen ihres roten Haarschopfs allgemein die "Rote Keila" genannt.

Es ist eine Mischung aus Dreigroschenromanze und melodramatischem Ganovenstück, was Isaac Bashevis Singer da auf 460 Seiten ausbreitet. Das Glück von Jarmy und Keila endet, als der "Lahme Max", Zuhälter und grobianischer Mädchenhändler, aus Buenos Aires zurückkehrt und die Rote Keila brutal vergewaltigt. Keila flüchtet zu einem naiven jungen Mann, der eigentlich Rabbiner werden wollte, mit ihm zusammen verlässt sie Warschau und emigriert nach New York.

Isaac Bashevis Singers Roman hat viele Stärken und einige Schwächen: Die Teile, die in Warschau und die, die in New York spielen, fallen deutlich auseinander, einige Hauptfiguren verliert der Autor über längere Passagen hinweg aus den Augen, bevor sie unvermittelt wieder auftauchen.

Trotz dieser Unzulänglichkeiten lohnt die Lektüre von "Jarmy und Keila" auch heute noch, denn dieser Nachlassroman hat etwas, was tausende andere Bücher trotz Arbeitsfleißes und engagierten Kunstwollens ihrer Autoren oft nicht haben: Seele.

Eine Rezension von Günter Kaindlstorfer

Literaturangaben:
Isaac Bashevis Singer: Jarmy und Keila
Aus dem Englischen von Christa Krüger
Jüdischer Verlag, 464 Seiten, 26 Euro

Stand: 19.07.2019, 09:59