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"In neuem Licht" von Tanja Schwarz

Buchcover: "In neuem Licht" von Tanja Schwarz

Lesefrüchte

"In neuem Licht" von Tanja Schwarz

"In neuem Licht", das sind 12 Romanminiaturen, die genau das tun, was der Titel verspricht – sie werfen ein neues, ein grelles oder weiches, mitunter auch diffuses Licht auf Frauen mittleren Alters, ihre Fragen und Lebenssituationen.

Da ist Nele, 44, die ihre Mutter in der gerontopsychiatrischen Einrichtung besucht, mit ihr durch den Garten streift, Momente neuer Nähe erlebt und gleichzeitig eine Abwesenheit spürt, die, wenn auch anders, immer schon zwischen den beiden stand. Gemeinsam Natur erleben bringt Nähe. Worte und Erklärungen schaffen Distanz.

Manche Figuren treten mehrfach auf, Nele z.B. wird später im Buch mit ihrer Teenager-Tochter Sina - gegen deren Willen - in die Schweizer Berge fahren. Das schöne Bild der lang ersehnten gemeinsamen Urlaubswoche zerbricht schon am ersten Tag. Sina reist ab, zieht zum Vater. Auch das Natur-Motiv fädelt sich durch diverse Erzählungen.

Eine Frau, die eine leidenschaftliche Affäre mit einem deutlich jüngeren geflüchteten Syrer lebt, zieht sich aus ihrem Alltags- und Berufsleben wochenlang auf eine Ackerparzelle zurück, ignoriert problematische Entwicklungen, tut alles, um ihren Schütz- und Liebling zu behalten. - Eine deutsche Familie wagt den Neustart mit einer Schafzucht im ländlichen Wales. Beim Umzug helfen Männer, die eine gewalttätige Vergangenheit haben. Auch in dieser Geschichte taucht ein Geflüchteter auf, der sich im Umzugswagen versteckt hatte. Plötzlich ist eine Waffe im Umlauf…

Tanja Schwarz erzählt ihre Geschichten entlang der Bruchstellen und Risse. Sie beobachtet unerschrocken, beschreibt feinsinnig, manchmal mit fast traumhaftem Worttastsinn. Jede Geschichte könnte zu einem maximalen Desaster werden, aber das geschieht nicht. Es bleibt immer gerade noch aushaltbar, also auch haltbar.

Einige der Frauenfiguren leben von prekären Jobs, sind geschieden und müssen mit den Ex-Männern Erziehungsfragen regeln. Manche stehen zwischen den Generationen, werden gleichzeitig als Töchter und Mütter beansprucht. Sie dehnen sich mitunter bis an die Schmerzgrenze, aber sie bleiben, handeln, gehen weiter.

Die Fragen in diesen Erzählungen sind so alltäglich wie essentiell, aber ihr Ton, mal nüchtern, mal lyrisch gibt allem eine weitere Ebene. Es entsteht Spannung, Tiefe, und neben dumpfem Schmerz leuchtet hier und da ganz unerwartet Witz auf.

Die Miniaturen hätten alle zu ganzen Romanen werden können, aber es ist gut so. Als dürfe man durch diverse Fenster schauen, an einem interessanten Punkt kurz dabei sein, und dann schließt sich das Fenster wieder. Man denkt und spürt noch eine Weile hinterher, ist bereichert und eigentümlich froh.

Eine Rezension von Marija Bakker

Literaturangaben:
Tanja Schwarz: In neuem Licht.
hanserblau, 2021.
240 Seiten, 22 Euro.

Stand: 03.12.2021, 11:59