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"Im Schläfengebiet" von Klaus Merz

Buchcover: "Im Schläfengebiet" von Klaus Merz

Lesefrüchte

"Im Schläfengebiet" von Klaus Merz

Überall können die Anfälle ihn überwältigen. Denn Walter ist Epileptiker. Seitdem seine Frau gestorben ist und viele Freundschaften nur noch im Gedächtnis vorhanden sind, plagt ihm zudem die Einsamkeit.

Aufrecht hält er sich trotzdem: mit Spaziergängen, Alltagsritualen und seinen Erinnerungen an glücklichere Tage. Es ist die Geste der Versöhnung, die Klaus Merz‘ Erzählung "Im Schläfengebiet", erschienen zu seinem 75. Geburtstag, innewohnt. Mehr noch als um die Akzeptanz des Schmerzes ringt seine knapp vierzig Seiten umfassende Miniatur um die Suche nach einer Ordnung für das Unbegreifbare des Leidens.

Fündig wird er in der Sprache und ihrer strukturbildenden Funktion. Merz lässt seinen Helden daher sämtliche metaphorische Register ziehen. Als loderndes Feuer oder als kriegerische Attacke beschreibt Walter die unvorhersehbaren epileptischen Einschüsse in Brust und Magen. Vermag die Metaphorik die Drastik des Schmerzes zu vermitteln, so bietet die Kunst ein Sinnpotenzial dafür an. Mehrfach verweist Merz daher auf den Isenheimer Altar. Christus am Kreuz vermittelt in seiner Geschichte die Botschaft: Erst das Leiden verhilft uns dazu, Schönheit des Lebens, die Zeiten der Liebe und der Hoffnung, klarer zu erkennen.

"Im Schläfengebiet", diese kaum vierzig Seiten umfassende Prosaminiatur, erinnert an einen Lidaufschlag, in dem sich die Weite und Tragik des Daseins in einem kurzen Moment hellster Wachheit verdichten.

Eine Rezension von Björn Hayer

Literaturangaben:
Klaus Merz: Im Schläfengebiet. Erzählung
Haymon Verlag, 48 Seiten, 18 Euro

Stand: 14.08.2020, 13:02