"Ich bin ein Laster" von Michelle Winters

Buchcover: "Ich bin ein Laster" von Michelle Winters

Lesefrüchte

"Ich bin ein Laster" von Michelle Winters

Eine Frau, zwei Männer und die Liebe zu großen Autos. Michelle Winters erzählt eine dramatische Geschichte von tiefen Gefühlen und bedrückender Isolation.

Réjean ist plötzlich spurlos verschwunden, sein Pick-up wurde mit offener Tür am Straßenrand gefunden. Agathe ist konsterniert und ratlos. Wie kann es sein, dass ihr Mann sie und seinen geliebten Chevrolet Silverado verlassen hat?

Autos sind das wahre Herz dieser Geschichte. Ein verhuschter Chevrolet-Händler taucht auf, der Ford-Fan ist. Eigentlich unmöglich, denn ein Auto ist hier eine Liebeserklärung, und Chevrolets verkaufen, aber heimlich einen Ford-Pick-up fahren nichts weniger als Treuebruch und Verrat. Der Mann schleppt seine Verfehlung still mit sich herum, die verlassene Agathe leidet einsam. Sie können sich nicht mitteilen, sind gefangen in sich selbst, so wie auch der bärige Réjean, der in geheimen Gewaltfantasien schwelgt, am liebsten am Steuer seines Autos.

Jede Geschichte hat ihre eigene Witterung und Temperatur. Diese hier ist wie in warmen Nebel getaucht, der sich auch dann nicht lichtet, als die Handlung sich dramatisch zuspitzt. Das Ende ist so überraschend wie nüchtern-realistisch, aber so muss es auch sein, wenn die große Liebe den Autos gehört und der Roman treffend "Ich bin ein Laster" heißt.

Eine Rezension von Ferdinand Quante

Literaturangaben:
Michelle Winters: Ich bin ein Laster
Aus dem kanadischen Englisch von Barbara Schaden
Verlag Klaus Wagenbach, 144 Seiten, 18 Euro

Stand: 22.05.2020, 14:16