Live hören
Jetzt läuft: Tango shmango von Skeewiff

"Guter Ärger" von Joseph O’Neill

Buchcover: "Guter Ärger" von Joseph O’Neill

Lesefrüchte

"Guter Ärger" von Joseph O’Neill

Wo stehe ich eigentlich? So unsicher die Helden seiner Erzählungen sind, so beherzt und intelligent schreibt Joseph O’Neill über diffuse Gemütszustände der amerikanischen Mittelklasse.

Tom Rourke hat Frau, Kinder und einen guten Job, aber keine Zuversicht. Wofür er lebt, ist ihm schleierhaft. Ein Golftrip nach Florida mit ein paar Freunden soll ihm Standfestigkeit verleihen. Ein von kindlichen Ängsten heimgesuchter Mann versucht hingegen, sich mit großem Wortaufwand Mut einzuflößen. Ein anderer braucht für die Anmietung einer Wohnung zwei schriftliche Referenzen von Freunden oder Bekannten; eigentlich kein Problem, am Ende aber doch.

O’Neills Helden stoßen so gut wie immer ins Leere. Ein Unterstrom von Todesahnungen durchzieht dabei die Geschichten, freilich ohne sie zu verdüstern oder sentimentalisch aufzuladen. Für gefühlige Prosa hat dieser Autor nichts übrig. Was nicht heißt, dass er seine Geschöpfe kalten Herzens auf die Reise schickt. Aber er hält doch Distanz zu ihnen, so wie ein Arzt, der sein Einfühlungsvermögen kontrolliert, um sich von den Leiden der Patienten nicht aus der Fassung bringen zu lassen.

Joseph O’Neill ist ein analytischer Erzähler, und man weiß nicht, was man mehr bewundern soll: die Fülle seiner genauen Beschreibungen oder seine manchmal geradezu einschüchternde Intelligenz.

Eine Rezension von Ferdinand Quante

Literaturangaben:
Joseph O’Neill: Guter Ärger
Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl
Rowohlt Verlag, 173 Seiten, 22 Euro

Stand: 21.01.2021, 19:47