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"Gretchens Rache" von Isabel Rohner

Buchcover: "Gretchens Rache" von Isabel Rohner

Marija Bakker empfiehlt

"Gretchens Rache" von Isabel Rohner

"Gretchens Rache" ist ein feministischer Kicherkrimi. Das Genre hat die Autorin Isabel Rohner selbst kreiert. Hier trifft die spitze, feministische Feder mitten in den partriarchalen Speck. Das ist für die Feder vermutlich nicht so schön, aber insgesamt ist es sehr sehr komisch.

"Der Titel eines Buches ist überaus wichtig. Goethes Faust wäre nie so ein Erfolg geworden, hätte er das Stück Gretchen genannt." Davon ist Doris Kranich, Literaturpäpstin beim Blatt für Literarische Angelegenheiten, kurz BLA, überzeugt. Der zentrale Satz fällt am ersten Abend eines PR Wochenendes zu dem ein Verlag einlädt.

Unter der Überschrift "Feuilleton meets Book Artists" sind die einflussreichsten Kritikerinnen und Kritiker des Landes geladen, um mit den Star-Autorinnen und Autoren des Hauses ins - möglichst werbewirksame - Gespräch zu kommen. Man trifft sich im Spreewald in einem grotesk durchtechnisierten Tagungshotel.

Eher zufällig mit dabei ist Linn Keller, chaotische Krimiautorin und furchtlose Feministin. Sie hasst solche Treffen und das zu Recht: Die illustre Runde ist eine Mischung aus bornierten, überheblichen, teils zwielichten 'Kulturfuzzis', die jedes nur mögliche Klischee erfüllen. Altherrenwitze, kapitalistisches Kalkül, Neid, und eine frauenverachtende Grundausstattung kommen hier zusammen und beschwören das gehobene Feuilleton.

Warum das zum Kichern ist? Weil Isabel Rohner die Figuren gnadenlos und fast slapstickartig überzeichnet und dabei doch Pudels Kern ganz nüchtern benennt – (literarische Anspielungen sind wesentlicher Teil des Buches). Kurzum: man erkennt vieles schmerzhaft wieder, darf sich aber sicher sein: Linn Kegel wird das Ganze wunderbar schlagfertig kommentieren.

Sie ist es übrigens auch, die den Mordfall aufklärt. Der ereignet sich erst im letzten Drittel des Krimis, was aber - entgegen der vermeintlichen Krimidoktrin - kein bisschen schadet. Der eigentliche Fall, der hier verhandelt wird, ist ja auch die Gretchenfrage: Wie hältst du es mit der Gleichberechtigung?

Dass das beim Lesen dann noch zu bester Unterhaltung führt, ist dem Talent der Autorin Isabel Rohner zuzuschreiben. Schön, dass auch Gretchen so noch zu ihrem Titel-Recht kommt. Möge ihm, beziehungsweise ihr viel Erfolg beschert sein, auch im Feuilleton!

Eine Rezension von Marija Bakker

Literaturangaben:
Isabel Rohner: Gretchens Rache
Ulrike Helmer Verlag, 206 Seiten, 13 Euro

Stand: 02.07.2021, 16:30