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"Einsame Weltreise" von Alma M. Karlin

Buchcover: "Einsame Weltreise" von Alma M. Karlin

Lesefrüchte

"Einsame Weltreise" von Alma M. Karlin

Im Jahr 1919 bricht die 30-jährige Slowenin Alma Karlin, zu ihrer Weltreise auf. Im Gepäck die Schreibmaschine "Erika", das handgeschriebene Wörterbuch in 10 Sprachen, und ein "Drängen", dem sie unbedingt folgen muss.

Als Alma Karlin 1889 geboren wird, ist sie ein halbseitig gelähmtes Kind, dem man kaum Überlebenschancen einräumt. Sie überlebt aber nicht nur, sie wird eine der kühnsten Weltreisenden bis heute.

Schon vor der großen Reise lebt Karlin im europäischen Ausland, spricht 10 Sprachen und schafft damit die Grundlage für ihre Weltumrundung, die sie mit Sprachunterricht, Übersetzungen und Reisberichten finanzieren will. Das Geld ist meist knapp, Karlin reist daher immer in der günstigsten Klasse, oft zusammengepfercht mit vielen anderen.

Die Ungerechtigkeit und herablassende Behandlung, die sie dabei erlebt, machen sie zu einem "Kommunist" auf Deck, während sie sich zu Land als "Kapitalist" beschreibt. In ihren Reiseberichten zeigt sich Alma Karlin zunächst nicht als besonders politischer Mensch, sie verharrt auch im damals üblichen eurozentrischen Denken, und unterliegt - trotz aller persönlichen Begegnungen mit anderen Ethnien - einem irritierenden Rassendenken. Gleichzeitig ist sie eine sehr genaue Beobachterin, die mit großer Bildkraft beschreibt, was sie sieht "Alle Völker, die unfrei sind (…) haben diese eigentümliche Schwermut im Blick".

Überlebenswichtig für Alma Karlin dürfte ihr Humor und die ironische Distanz sein, die sich in ihren Texten widerspiegelt. Als weiße, allein reisende Frau muss sie sich ständig gegen sexuelle Übergriffe und Gewalt zur Wehr setzen. Besonders in Südamerika wirkt ihr Aufenthalt wie eine Hetzjagd. Traumatisiert und unterernährt, schafft sie dennoch die Weiterreise Richtung Asien. "Die Mahlzeiten blieben skizzenhaft", heißt es auch in Japan, aber hier kommt sie erstmals ein wenig zur Ruhe.

"Niemand hat mich beleidigt, niemand mir ein Leid zugefügt", schreibt sie wie das größte Kompliment über diese Etappe, die 1925 endet, aber noch lange nicht die letzte war. Alma Karlins Tour dauert insgesamt 8 Jahre und hinterlässt tiefe Spuren. Wer sie lesend begleitet, unternimmt dabei die Entdeckungsreise zu einer bis heute außergewöhnlichen Frau und Schriftstellerin. Dass sie ohne finanzielle Absicherung reist, ohne Begleitung, oft dem Tod nahekommt und trotzdem, voller Wissensdurst, weiterzieht, macht Alma Karlin zu einer Art Free Solo Ikone unter den Weltreisenden, damals wie heute.

Das Buch empfohlen hat uns WDR 5-Hörerin Renate Zimmer aus Dortmund.

Eine Rezension von Marija Bakker

Marija Bakker empfiehlt "Einsame Weltreise" von Alma M. Karlin

WDR 5 Bücher - Auf meinem Nachttisch 21.12.2019 08:58 Min. Verfügbar bis 19.12.2020 WDR 5

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Literaturangaben:
Alma M. Karlin: Einsame Weltreise
Aviva Verlag, 400 Seiten 20 Euro

Stand: 18.12.2019, 23:19