Live hören
Jetzt läuft: Make Her Mine (Instrumental) von Mayer Hawthorne
23.04 - 06.00 Uhr ARD Infonacht

"Eine Deutschlandreise" von Thomas Wolfe

Buchcover: "Eine Deutschlandreise" von Thomas Wolfe

Lesefrüchte

"Eine Deutschlandreise" von Thomas Wolfe

Deutsche können so hässlich sein, und ja, Deutschland ist wunderschön. Unterwegs in einem fremden und zugleich seltsam vertrauten Land macht der amerikanische Schriftsteller Thomas Wolfe extreme Erfahrungen.

Sein erster Besuch ist wie ein Dejà-vu: Dieses Land kennt er, aus seinem Inneren heraus. In München nimmt der 26-jährige Wolfe den Zug Richtung Stuttgart und schaut aus dem Abteilfenster in dem Gefühl, "dass er diese Gegend schon immer gekannt habe, dass sie ihm Heimat sei."

Warum, das ist die Frage, die sich wie ein langer, rätselhafter Faden durch seine sechs Deutschlandreisen zwischen 1926 und 1936 zieht. Wolfe schreibt unterwegs eifrig Tagebuch, Briefe und Postkarten, viele davon an Aline, seine Geliebte in den USA, an seine Mutter und immer wieder an seinen Lektor Max Perkins; berichtet dabei von Besuchen in Buchhandlungen und Kneipen, von einer heftigen Schlägerei auf dem Münchner Oktoberfest und anschließender Behandlung im Krankenhaus, von einer gleich zweifachen Begegnung mit James Joyce in Frankfurt.

Wichtiger als all das ist Wolfe aber der seltsame Umstand, dass ihm Deutschland vom ersten Moment an vollkommen vertraut ist. Als "spirituelle Notwendigkeit" versteht er seine Reisen durch ein Land, das ihm wie eine Märchenwelt erscheint. Wolfes Garten Eden hat seine hässlichen Ecken, in Wirtshäusern vor allem. Sitzen Deutsche dort zu Tisch, wird’s schlimm. Er sieht Männer, "in deren Gesichtern schon etwas von der aufgedunsenen Saturiertheit von Schweinen lag", und dennoch: Wolfe ist von den Deutschen ganz hingerissen, preist ihre Freundlichkeit und die magische Schönheit des Landes.

Die Nazis sind längst an der Macht, und Wolfe, inzwischen ein geschätzter Autor, der sich auf Partys und Empfängen feiern lässt, erkennt die politische Realität im Lande erst reichlich spät. Wolfes "Deutschlandreise" ist das Buch über eine märchenhafte Liebe, die einer langsamen Entfremdung weicht.

Eine Rezension von Ferdinand Quante

Literaturangaben:
Thomas Wolfe: Eine Deutschlandreise in sechs Etappen
Aus dem amerikanischen Englisch von Renate Haen, Barbara von Treskow und Irma Wehrli
Manesse Verlag, 416 Seiten, 25 Euro

Stand: 20.03.2020, 13:15