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Buchcover: "Die Summe des Ganzen" von Steven Uhly

Lesefrüchte

"Die Summe des Ganzen" von Steven Uhly

Stand: 01.07.2022, 17:32 Uhr

Provokant: Steven Uhly erkundet die Gedankenwelt eines pädophilen Priesters und nutzt dann die Fiktion, um die Opfer von sexuellem Missbrauch zu ermächtigen.

In einem Madrider Vorort sitzt Priester Roque de Guzmán im Beichtstuhl und wartet darauf, dass ein Sünder sein Herz ausschüttet. Kurz vor Toresschluss taucht noch ein fremder Mann auf. Er will über seine "unnatürlichen Neigungen" reden, bricht dann aber die Beichte Hals über Kopf ab.

In den nächsten Tagen kehrt der Fremde zurück und vertraut dem Padre an, dass er sich zu seinem Nachhilfeschüler, einem Zehnjährigen, hingezogen fühlt. "Wie lange wird er in der Lage sein, das Unvermeidliche hinauszuzögern?", fragt sich der Mann an einer Stelle. Es folgen Dialoge über vermeintliche Liebe, die Knabenliebe der alten Griechen, die Definition von Sünde.

Der Priester erkennt, dass es sich beim potenziellen Opfer um einen Jungen aus dem Knabenchor handelt, den er selbst leitet. Er rät dem Beichtenden, der Versuchung zu widerstehen und den Schüler abzugeben. Man fragt sich, ob der Priester im Beichtstuhl ein Verbrechen verhindern kann, begreift dann aber, dass die Schilderungen des Beichtenden das Begehren des Priesters geweckt haben. Der Priester fühlt sich selbst zu Jungs hingezogen. Der kleine Sänger im Chor schwebt in Gefahr.

Steven Uhlys Romane sind für ihre Tabubrüche bekannt. Der Autor von „Glückskind“ hat auch schon die kranke Gedankenwelt von SS-Schergen im besetzten Polen exploriert. Auch in "Die Summe des Ganzen" fordert er die Leser heraus. Die Täterperspektive mit ihren Beschönigungen, Apologien und Manipulationsstrategien ist kaum zu ertragen. Literatur funktioniert über Identifikation, aber hier geht es nicht um Verständnis für die Täter, Uhly legt die Perversion der Taten offen.

Dann die Überraschung: Hier ist nichts so, wie es scheint. Uhly führt uns hinters Licht. Der Plot nimmt eine Wendung. Der Roman schafft ein Szenario, in dem es den Opfern gelingt, sich über einen Täter zu ermächtigen und ihn der weltlichen Gerichtsbarkeit zuzuführen. Was in der Realität viel zu selten passiert – ist in der Literatur möglich.

Alternativerzählungen zur Welt haben eine entlastende und aufbauende Funktion. In dieser Geschichte kommt sie voll zum Tragen, was an Uhlys perfektem Romanaufbau liegt.

Eine Rezension von Mareike Ilsemann

Literaturangaben:
Steven Uhly: Die Summe des Ganzen
Secession Verlag, 2022
156 Seiten, 22 Euro