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"Die Nachkommende" von Ivna Žic

Buchcover: "Die Nachkommende" von Ivna Žic

Lesefrüchte

"Die Nachkommende" von Ivna Žic

Was sagt eine Reisende zu zwei Pässen, die sich ihre um Seele streiten? Ivna Žic erzählt in ihrem Romandebüt von einer jungen Frau auf Identitätssuche zwischen Zagreb und Zürich, zwischen Unterwegssein und dem Wunsch nach Ankommen

Ivna Žic schickt in ihrem Romandebüt "Die Nachkommende" eine Figur auf Identitätssuche, die ihr ein bisschen ähnelt: Eine junge Frau um die 30 sitzt im Zug nach Zagreb, von wo sie einst mit der Familie vor dem Krieg auf dem Balkan floh. Hinter ihr liegen Paris und eine Beziehung ohne Zukunft zu einem verheirateten Mann.

Der Leser folgt in Fließtext, Gedicht- und Gebetform den Gedanken der Reisenden, wie sie durch Zagreb streunt, Gerüche ihrer Kindheit aufschnappt und alten Bekannten aus dem Weg geht. Äußerlich scheint sie ziellos. Doch in Gedanken hält sie immer wieder Zwiesprache mit ihrem toten Großvater, der nie darüber gesprochen hat, welche Rolle er im Zweiten Weltkrieg gespielt hat.

Die bedrückte Atmosphäre der kriegerischen 1990er-Jahre aus Sicht eines Kinds, der Streit zweier Pässe, welcher besser ist – die Theaterautorin Žic beweist in ihrem ersten Roman ein hervorragendes Gespür für aussagekräftige Szenen, in denen sich gewohnte Perspektiven verschieben. Sie wirft Fragen auf, ist aber zu schlau, Antworten zu geben. Eine schillernde, vielstimmige Lektüre, obwohl wir von Anfang bis Ende nur die Gedanken einer einzigen Person lesen.

Eine Rezension von Fabian May

Literaturangaben:
Ivna Žic: Die Nachkommende
Matthes & Seitz Berlin, 164 Seiten, 20 Euro

Stand: 06.09.2019, 08:58