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"Die Eroberung Amerikas" von Franzobel

Buchcover: "Die Eroberung Amerikas" von Franzobel

Lesefrüchte

"Die Eroberung Amerikas" von Franzobel

Franzobel goes west: In seinem aktuellen Roman wendet sich der österreichische Autor der spanischen Conquista zu, der blutigen Eroberung Amerikas im 16. Jahrhundert.

Als Hauptfigur seines Romans hat Franzobel eine reale historische Gestalt gewählt: den Conquistador Hernando de Soto, einen spanischen Landedelmann aus verarmten Verhältnissen, der sich an der Eroberung Panamas und Nicaraguas ebenso beteiligt hat wie an der brutalen Unterwerfung der Inkas durch Francisco Pizarro in Peru.

1538 brach Hernando de Soto als Anführer eines 700 Mann starken Heers zu einem EIGENEN Eroberungsfeldzug durch Florida und die Südstaaten der USA auf. Die Expedition geriet – aus spanischer Perspektive – zum kompletten Fehlschlag: In Gemetzeln mit den Apalachees und den Choctaw-Indianern wurde de Sotos Expeditionskorps geschwächt, zudem wüteten Krankheiten und Hunger in der Truppe, vom verheißenen Gold war weit und breit keine Spur.

Nachdem Hernando de Soto im Mai 1542 an den Ufern des Mississippi River gestorben war, ging er als der vermutlich erfolgloseste Conquistador aller Zeiten in die spanische Geschichtsschreibung ein. "Das war der Grund, warum ich mich mit ihm beschäftigt habe", bekennt Franzobel: "Mich hat das Scheitern immer mehr interessiert als der Erfolg."

Franzobel hat das Genre der tragikomischen Groteske gewählt, um Leben und Sterben des Hernando de Soto auf den literarischen Begriff zu bringen. Die Verbrechen der Conquistadoren werden bei ihm zu einem grausigen, fast comicartigen Spektakel.

Streckenweise ist das Epochenpanorama schwer zu ertragen. Abgesehen davon ist dem 54-jährigen Österreicher ein effektvoller, spannender und zutiefst verstörender Roman gelungen.

Eine Rezension von Günter Kaindlstorfer

Literaturangaben:
Franzobel: Die Eroberung Amerikas
Zsolnay Verlag, 544 Seiten, 26 Euro

Stand: 05.02.2021, 14:21