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Buchcover: "Der Erinnerungsfälscher" von Abbas Khider

Lesefrüchte

"Der Erinnerungsfälscher" von Abbas Khider

Stand: 04.02.2022, 07:32 Uhr

Ein an Erinnerungsschwäche leidender Schriftsteller kann sein Leben nicht in den Blick nehmen und erkennt, dass die bruchstückhaften Bilder der Vergangenheit nur kraft seiner Fantasie zu einem Ganzen werden.

Wobei dieses Ganze brutal und schmerzhaft ist. Said Al-Wahid, so heißt der Mann, ist aus dem Irak geflohen. Der Vater wurde exekutiert, die Schwester samt Mann und Kindern von einer Bombe zerfetzt.

Das alles liegt lange zurück, Said lebt jetzt in Deutschland, ist verheiratet, hat einen kleinen Sohn, doch als sein Bruder ihn anruft und mitteilt, die Mutter liege im Sterben, muss Said sich einer Vergangenheit stellen, die wie schwarzer Nebel in ihm wabert. Es gehört ja zum Grundprogramm erzählender Literatur, aus Bruchstücken der Wirklichkeit eine Geschichte zu machen.

Eben dieses Verhältnis von Fakten und Fiktion thematisiert Abbas Khider in seinem autobiografisch grundierten Roman, in dem erfundene Erinnerungen ihre innere Wahrheit haben. Der Zeit des Schreckens im Irak folgt für Said eine lebensgefährliche Flucht, ein Leben in Deutschland, geprägt von behördlichen Schikanen und alltäglichem Rassismus, und auch die kurze Rückkehr nach Bagdad zur sterbenden Mutter bringt kein Happy End.

Trüb ist der Roman trotzdem nicht, denn es durchzieht ihn ein Ton milden Staunens darüber, das alles durchgestanden zu haben. Und auch ein Hauch von Glück, Herr der eigenen Geschichte zu sein.

Eine Rezension von Ferdinand Quante

Literaturangaben:
Abbas Khider: Der Erinnerungsfälscher
Hanser Verlag, 2022
126 Seiten, 19 Euro