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"Das zweite Leben des Adolf Eichmann“ von Ariel Magnus

Buchcover: "Das zweite Leben des Adolf Eichmann" von Ariel Magnus

Lesefrüchte

"Das zweite Leben des Adolf Eichmann“ von Ariel Magnus

Nach seiner Flucht lebt der Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann als Ricardo Klement in Argentinien. In seinem neuen Roman skizziert Ariel Magnus das Leben eines gefährlich-verbohrten Mannes.

Was für ein Pech, dass es in ganz Buenos Aires keine Blumen mehr gibt. Denn Eva Perón ist gestorben. Und ihr zu Ehren stellen die Argentinier überall Blumen auf. Aber Vera kommt doch mit den Kindern und liebt Rosen. Kurzerhand klaut Ricardo Klement einen Blumenstrauß und übergibt ihn seiner Frau, die ihm nun ins Exil gefolgt ist.

Es ist 1952 und Adolf Eichmann hat eine Odyssee hinter sich. Mit einem in der Schweiz ausgestellten Pass hat er es nach Buenos Aires geschafft. Zunächst findet er keine guten Jobs, kann sich dann aber doch ein Häuschen in der Provinz leisten, züchtet Angorakaninchen, kehrt irgendwann in die Hauptstadt zurück und findet Arbeit bei der argentinischen Niederlassung von Mercedes-Benz.

Unterstützt von seinen alten Nazi-Weggefährten und von der argentinischen Regierung in Ruhe gelassen, denkt Ricardo Klement wehmütig ans Dritte Reich, philosophiert über den Sinn von Konzentrationslagern und ärgert sich über sein Gedächtnis, da er die Merkmale zur Rassenidentifizierung nicht mehr auswendig kann.

Ariel Magnus` Hauptfigur Ricardo Klement ist erfunden, doch es stimmt alles. Denn Adolf Eichmann lebte unter diesem Namen bis zur seiner Festnahme 1960 unbehelligt in Argentinien und unterhielt rege Kontakte zu anderen Nazis, die genauso wie er international gesucht wurden.

Der 1975 in Buenos Aires geborene Ariel Magnus hat jüdische Wurzeln. Seine Großmutter überlebte den Holocaust. Ihr hat er vor knapp 10 Jahren mit "Zwei lange Unterhosen der Marke Hering" ein wundervolles literarisches Denkmal gesetzt. Auch in seinem aktuellen Roman ist ihr Schicksal in einer kleinen Episode mit eingewoben.

Die Frage ist: Ist es überhaupt möglich, noch etwas über die Verbrechen Adolf Eichmanns zu schreiben, nachdem Autor*innen wie Hannah Arendt oder Harry Mulisch und viele andere das Phänomen Eichmann bereits ausführlich in Buchform seziert haben? Die Antwort: Ja. Es ist möglich. Ariel Magnus ist eine unglaublich gut erzählte literarische Verbrecher-Demontage gelungen.

Eine Rezension von Claudia Cosmo

Literaturangaben:
Ariel Magnus: Das zweite Leben des Adolf Eichmann
Aus dem Spanischen von Silke Kleemann
Kiepenheuer & Witsch, 2021
240 Seiten, 20 Euro

Stand: 20.08.2021, 14:04