"Das Mädchen aus dem Hotel Metropol" von Ljudmila Petruschewskaja

Buchcover: "Das Mädchen aus dem Hotel Metropol" von Ljudmila Petruschewskaja

Lesefrüchte

"Das Mädchen aus dem Hotel Metropol" von Ljudmila Petruschewskaja

Eine Coming-of-age Geschichte zwischen Staatsterror und Krieg. Ljudmila Petruschewskaja wächst als Tochter von sogenannten "Volksfeinden" am Rande der Gesellschaft auf, sie geht nicht zur Schule, hat keine Winterschuhe und hungert. Der Ton ist kurz und bündig, voller grotesker Beiläufigkeit.

Ljudmila Petruschewskaja wird 1938 in eine Familie kommunistischer Intellektueller geboren. Ihr Urgroßvater Ilja Weger ist Arzt und wird als Bolschewik 1921 in dem Moskauer Hotel Metropol untergebracht, in dem hohe Beamte der bolschewistischen Regierung leben.

Die Familie fällt den stalinschen Repressionen zum Opfer – sie gelten als "Feinde des Volkes", viele werden verhaftet und erschossen, die Großmutter weiß mit ihrer Angst weder ein noch aus und rettet sich in eine psychiatrische Klinik, der Urgroßvater wird nach dem Krieg von einem Lastwagen überfahren, "eine häufige Methode der Hinrichtung"', wie Ljudmila Petruschewskaja lapidar erwähnt.

Auf die Schreckensjahre des Terrors folgt der Zweite Weltkrieg. Die Familie wird in den Süden des Landes evakuiert, Ljudmila besucht keine Schule, sie hat keine Winterstiefel, hungert, bettelt und läuft eine Zeitlang aus der Obhut der Angehörigen weg, nachdem ihre Mutter zum Studium nach Moskau zurückgekehrt ist.

Die Schriftstellerin erzählt von dieser Kindheit ganz ohne Wehleidigkeit und Bitterkeit, vielmehr scheinen berechtigter Stolz, eleganter Humor und ein sicheres Gespür für die groteske Absurdität des Lebens auf. Ihr Ton ist kurz und bündig, aber jeder Satz sitzt in der streng komponierten Prosa. "Das Mädchen aus dem Hotel Metropol" ist ein Buch, das von widrigsten Lebensumständen erzählt, von der Künstlerwerdung der Autorin und vom Triumph der Literatur.

Eine Rezension von Christine Hamel

Literaturangaben:
Ljudmila Petruschewskaja: Das Mädchen aus dem Hotel Metropol. Roman einer Kindheit
Aus dem Russischen von Antje Leetz
Mit einem Nachwort von Olga Martynova
Schöffling & Co, 312 Seiten, 24 Euro

Stand: 18.04.2019, 12:59