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Buchcover: "Das Leben ist kein Abgrund" von Jean Stafford

Lesefrüchte

"Das Leben ist kein Abgrund. Stories" von Jean Stafford

Stand: 09.09.2022, 10:10 Uhr

Eine großartige Wiederentdeckung: Die (1979 gestorbene) amerikanische Autorin schreibt in ihren Stories über "das gebeutelte Herz", die Einsamkeit und - mit kluger Ironie - vollständig misslungene Eheträume.

Als die 1915 geborene amerikanische Autorin Jean Stafford 1970 den Pulitzerpreis bekam, war das eine Überraschung. Ihre Erzählungen hatten nichts mit dem damals herrschenden Zeitgeist zu tun, waren weder politisch engagiert noch sozialkritisch. Der Erfolg kam dennoch. Und auch jetzt lohnt sich die Wiederentdeckung, der sich der Schweizer Dörlemann Verlag widmet.

Nach dem Roman "Die Berglöwin" nun mit ausgewählten Stories. Jean Stafford war dreimal verheiratet und dreimal geschieden. Der Ehe mit dem Dichter Robert Lowell gewinnt sie etwa eine wunderbare Geschichte über eine Ehequälerei ab. Und sie kannte auch die Einsamkeit, mit der sich ihre Figuren – fast immer sind es Frauen oder kleine Mädchen – herum schlagen, die sie bewältigen, in die sich fügen müssen.

Beinahe beiläufig entwirft die Autorin dramatische Lebensbilder. Eine mittelalte Frau, die am Begräbnistag ihrer Freundin darüber nachdenkt, wie sie von den überlebenden Freundinnen gesehen wird. Die anderen sind verheiratet, haben Kinder, nur sie ist allein geblieben und die große dramatische Liebesgeschichte, die alle hinter ihrer Ehelosigkeit vermuten, hat es nie gegeben.

Wenn zwei Schwestern bei einem Zoobesuch angesichts eines alten blinden Bären sich an ihre freudlose Kindheit und ihre ebenso sadistische wie selbstgerechte Pflegemutter erinnern oder wenn in der Titelgeschichte der Besuch einer jungen Frau im tristen Pflegeheim zu einem grandiosen Abrechnungspanorama wird - das Schwere wird hier leicht erzählt.

Die Kraft dieser Storys, die ursprünglich in der Zeitschrift New Yorker erschienen sind, liegt im Ton, in der Sprache, in der Fähigkeit, uns gleichsam in den Kopf der literarischen Figuren hineinschauen zu lassen.

Jean Stafford, die zu viel trank und zu viel rauchte, die offenbar nicht besonders viel Interesse an der eigenen Gesundheit oder ihrem schriftstellerischem Renommee hatte, weckt jedoch mit jedem Satz, unser Interesse an den Gedanken und Erinnerungen, den Beobachtungen und Ereignissen, den Herzschmerzen von denen sie erzählt.

Eine Rezension von Manuela Reichart

Literaturangaben:
Jean Stafford: Das Leben ist kein Abgrund. Stories
Aus dem amerikanischen Englisch von Adelheid und Jürgen Dormagen
Mit einem Nachwort von Jürgen Dormagen
Dörlemann Verlag, 2022
336 Seiten, 26 Euro