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"Das Adressbuch" von Sophie Calle

Buchcover: "Das Adressbuch" von Sophie Calle

Lesefrüchte

"Das Adressbuch" von Sophie Calle

Eine Frau dringt in die Privatsphäre eines ihr unbekannten Mannes ein, indem sie dessen Freunde und Bekannte von ihm erzählen lässt. Das Ergebnis sind ein schönes Porträt und Zweifel an der Methode.

Im Sommer 1983 findet Sophie Calle auf einer Straße in Paris ein Adressbuch und hat eine Idee. Sie kopiert alle Seiten, schickt das Original an seinen Besitzer und nimmt dann Kontakt mit einigen der im Adressbuch verzeichneten Personen auf. Die meisten sind bereit, über Pierre D., so wird der Mann hier genannt, zu sprechen, manche plaudern auch intime Details arglos aus.

Sophie Calle ist eine französische Fotografin, die das Ausforschen konzeptionell betrieben hat. In Paris ist sie fremden Leuten unbemerkt gefolgt, hat sie fotografiert und deren Wege protokolliert und die Bilder und Berichte ausgestellt. Sie selbst ließ sich von einem Detektiv beschatten, der von ihr Fotos und über ihr Leben als Künstlerin Notizen machte, die sie anschließend veröffentlichte. Und so auch die insgesamt 28 Gespräche über Pierre D., die damals allesamt in der Tageszeitung Libération erschienen sind.

War das damals, im Sommer ’83, eine harmlose biografische Schnitzeljagd, vielleicht doch Konzeptkunst oder bloß platter Voyeurismus? Als Leser fühlt man sich ganz gut unterhalten, als Co-Stalker aber auch nicht rundum wohl, wobei man die Tatsache, dass das alles weit mehr als dreißig Jahre zurückliegt, als mildernden Umstand verbuchen möchte.

Eine Rezension von Ferdinand Quante

Literaturangaben:
Sophie Calle: Das Adressbuch
Aus dem Französischen von Sabine Erbrich
Bibliothek Suhrkamp, 105 Seiten, 22 Euro

Stand: 17.01.2020, 13:59