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"Borgo Sud" von Donatella di Pietrantonio

Buchcover: "Borgo Sud" von Donatella di Pietrantonio

Lesefrüchte

"Borgo Sud" von Donatella di Pietrantonio

Als kleine Mädchen waren sie unzertrennlich. Dann lernten sie, sich aus den Augen zu verlieren: Die namenlose Ich-Erzählerin, eine sensible Literaturdozentin und ihre drei Jahre jüngere Schwester Adriana. Sie ist ein mit allen Wassern gewaschenes, aggressives Wesen, das am Strand von Pescara Fische verkauft.

Die Ich-Erzählerin hat sich in der Jugend genug mit Adriana herumgeschlagen. Während sie eifrig studiert, bricht Adriana mit 15 die Schule ab, weil sie sich in Rafael, einen jungen Fischer, verliebt. Sie bekommt ein Kind, muss sehen, wie sie die Schulden von Rafael bezahlt und lebt im "Borgo Sud", dem verrufenen Hafenviertel von Pescara.

Als Adriana Jahre später angeblich durch eigene Unvorsichtigkeit von der Dachterrasse in die Tiefe stürzt, wird sie schwer verletzt ins Koma versetzt. Die ältere Schwester reist sofort aus Grenoble zu ihr, obwohl sie glaubt, dass nichts mehr sie an Adriana, die Aggressive, Schamlose, Hinterhältige binden würde.

Donatella Di Pietrantonio ist erneut ein Roman großer psychologischer Tiefe gelungen: Die Gegensätzlichkeit der beiden Schwestern wird durch den Unfall nicht gemildert. Beide können sie nicht aus ihrer Haut. Aber beide bleiben in ihrer Widersprüchlichkeit zutiefst aufeinander bezogen.

Eine Rezension von Andrea Lieblang

Literaturangaben:
Donatella Di Pietrantonio: Borgo Sud
Antje Kunstmann Verlag, 2021
223 Seiten, 20 Euro

Stand: 10.12.2021, 10:36