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"Babel" von Kenah Cusanit

Buchcover: "Babel" von Kenah Cusanit

Lesefrüchte

"Babel" von Kenah Cusanit

Die Moderne in Babylon: Kenah Cusanit erzählt das wichtigste Kapitel deutscher Archäologiegeschichte als Farce und legt Schicht für Schicht den Charakter des genialen Grabungsleiters Robert Koldewey frei.

1913 liegt Robert Koldewey, Grabungsleiter der deutschen Babylon-Expedition, mit Schmerzen auf seinem Bett. Er vermutet eine Blinddarmentzündung. Mit dem Blick auf dem Euphrat reflektiert er die Situation: Die Grabungsassistenten hält er für unterbelichtet, seine Auftraggeber in Berlin wollen so schnell wie möglich aussagekräftige Ausstellungsstücke, Koldewey selbst ist an einer systematischen Ausgrabung der Stadtanlage interessiert. Die Engländer und Franzosen graben in der Nähe, die Ausgrabungsstätten in Vorderasien stellen einen Austragsort für einen Stellvertreterkrieg im Wettlauf der Nationen dar. Angesichts eines drohenden Weltkriegs muss Koldewey seine Ergebnisse retten.

Aus der Perspektive Koldeweys erzählt, inszeniert Kenah Cusanit die Geschichte der deutschen Orient-Archäologie im deutschen Kaiserreich als Farce. Grabungsleiter Koldewey aber entpuppt sich als genialer Hypochonder, ein Universalgelehrter, der es seltsamerweise nicht wie Troja-Entdecker Heinrich Schliemann ins kollektive Gedächtnis geschafft hat.

Das könnte sich mit diesem Roman ändern. Fast nebenbei lässt Cusanit Reflexionen über die Geschichte und den Paradigmenwechsel in der Moderne in den Erzählfluss einfließen. Bei Koldewey kriegt jeder sein Fett weg, auch unsere Gegenwart. „Babel“ bietet Zeitporträt und Wissenschaftsbiografie in einem. Ein Roman, der vom Unterhaltungspotential an Kehlmanns „Vermessung der Welt“ erinnert, aber noch vielschichtiger ist.

Eine Rezension von Mareike Ilsemann

Literaturangaben:
Kenah Cusanit: Babel
Hanser Verlag, 272 Seiten, 23 Euro

Stand: 01.03.2019, 13:10