"Sommer bei Nacht" von Jan Costin Wagner

Buchcover: "Sommer bei Nacht" von Jan Costin Wagner

Krimicheck

"Sommer bei Nacht" von Jan Costin Wagner

Flohmarkt in der Grundschule. Die Mutter des fünfjährigen Jannis schleppt Trödelsachen aus dem Auto, ist abgelenkt. Nur kurz, doch es reicht für eine Katastrophe.

Denn genau in dem Moment lässt Jannis sich von einem riesengroßen Teddybären bezirzen, folgt dem Mann, der ihm das weiche Tier hinhält und ihn damit lockt. Seitdem ist er verschwunden. Eine Polizeicrew ermittelt und stößt auf einen ähnlich gelagerten Fall, bei dem zwei Jahre zuvor in Österreich der Sohn einer eritreischen Flüchtlingsfamilie ebenso verschwand. Zeugen sahen ihn noch, ebenfalls mit einem enormen Teddybären im Arm.

Lakonisch, fast wie nebenbei beschreibt Jan Costin Wagner die sich dramatisch zuspitzenden Umstände, die inneren Widersprüche der Polizisten, die kaputten Leben eigentlich aller an diesem Drama Beteiligten. Da hat jeder seine Fantasien, seine Lebensträume, seine zerstörten Hoffnungen und dunklen Seiten. Wirklich Jeder, der hier auftritt. Und bange wird einem bei dem Gedanken, dass das Leben des kleinen Jannis womöglich nicht mehr zu retten sein könnte.

Kaum auszuhalten, wie Jan Costin Wagner die Spannung anheizt, ohne Hektik, ohne reißerisch zu sein. Wagner schafft dies durch eine traumwandlerisch treffend eingesetzte geradezu poetische Sprache. Durch Andeutungen, Anspielungen und eine märchenhaft anmutende Fantasie. Das Geschehen ist so schrecklich, menschlich kaum zu verkraften, dass das Mitgefühl mit so gut wie allen Romanfiguren überhand nimmt.

Ein Krimi, trotz allem von seltener Ruhe und Faszination. Dabei ist Wagner so nah dran wie nie zuvor an aktuellen tatsächlichen Geschehnissen. Und mischt sie virtuos zu einem ausgewachsenen Bestseller.

Eine Rezension von Ingrid Müller-Münch

Literaturangaben:
Jan Costin Wagner: Sommer bei Nacht
Galiani Berlin, 312 Seiten, 20,60 Euro

Hörbuch erschienen beim Argon Verlag, gelesen von Torben Kessler

Stand: 14.02.2020, 12:38