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"Die zweite Schwester" von Chan Ho-Kei

Buchcover: "Die zweite Schwester" von Chan Ho-Kei

Krimicheck

"Die zweite Schwester" von Chan Ho-Kei

Honkong/China: Wie kann man in einem System der Überwachung Dinge erzählen, die eigentlich ungesagt bleiben sollen? Die Mittel des Genreromans bieten trickreiche Möglichkeiten – in dem Roman "Die zweite Schwester" von Chan Ho-Kei.

Ein Hochhaus in Hongkong, eine Menschenansammlung. Einsatzfahrzeuge. Die Erschütterung ist spürbar. Die junge Frau, die von einem ihrer Jobs nach Hause kommt, weiß es bereits, bevor sie auch nur eine Ahnung haben kann: Etwas Schlimmes ist passiert. Mit ihrer kleinen Schwester. Und tatsächlich: Siu-Man hat sich aus dem Fenster gestürzt. Sie ist tot. Warum?

Die beiden stammten aus einfachsten Verhältnissen, und hatten niemanden als einander, die junge Frau ist jetzt also allein. Sie sucht Trost in der Aufklärung des vermeintlichen Selbstmords. Ein Detektiv verweist sie an einen Hacker weiter. Einen merkwürdigen, übellaunigen Typen, der sich nur zögernd an die Arbeit macht. Und dann sehr viel sehr Überraschendes herausfindet. Irgendwann muss die die Auftraggeberin entscheiden: Will sie wirklich nur verstehen – oder will sie Rache, mit denselben Mitteln?

Die Ermittlung führt in die tiefsten Gründe der analogen wie der digitalen Realität Hongkongs und zeigt dabei "nebenbei", was alles machbar, überwachbar und manipulierbar ist – und damit auch, wie man dem unter Umständen entgehen kann.

"Die zweite Schwester" ist ein hochpolitischer Thriller mit enormer Spannweite und immenser Detailfülle. Zugleich liefert Chan Ho-Kei spannende Einblicke in die sozialen Strukturen einer Metropole, in der letztlich die allerwenigsten zu den Profiteuren des gnadenlosen Systems gehören, ganz im Gegenteil.

Eine Rezension von Ulrich Noller

Literaturangaben:
Chan Ho-Kei: Die zweite Schwester
Übersetzt von Sabine Längsfeld
Atrium, 591 Seiten, 25 Euro

Stand: 16.04.2021, 14:04