"Die kleine Schwester" von Raymond Chandler

Buchcover: "Die kleine Schwester" von Raymond Chandler

Krimicheck

"Die kleine Schwester" von Raymond Chandler

Mit Raymond Chandler begann eine neue Krimi-Ära. 1949 erschien "Die kleine Schwester" und fand das Verbrechen auf den Straßen von Los Angeles. Eine aktuelle Neu-Übersetzung befreit den Klassiker von altbackenen Begriffen.

Aus Puffhäusern werden Freudenhäuser. Aus rosa pink. Aus dünnen Nerven blankliegende. Aus einem kaputten Typen ein Junkie. Und wer in aller Herrgottsnamen nennt heutzutage einen Polizisten noch einen Polypen? Die Zeit war lange reif, diesen Klassiker des Spannungsgenres neu zu übersetzen. Es hat sich gelohnt. Der Schweizer Diogenes-Verlag gibt die Krimis um den abgewrackten Detektiv Philip-Marlowe so nach und nach in einer Sprache heraus, die dem Heute entspricht.

Raymond Chandlers "Die kleine Schwester" erschien 1949. Die Hauptrolle spielt eine zierlich-biedere Landpomeranze die ihren verschollenen Bruder sucht. Behauptet sie jedenfalls. Marlowe reagiert unbehindert von jeglicher Me-Too-Debatte. Er flirtet mit ihr, küsst sie - bevor er mit den Ermittlungen überhaupt beginnt. Frauen, so glaubt der schludrige Detektiv, können einen Mann schrecklich schwach machen. Und was dieser Mann dann anstellt, dafür kann er nun wirklich nichts.

Diese Rückkehr zu den Anfängen von hard-boiled Krimis aus Los Angeles, übersetzt in den Jargon von heute - das ist Nostalgie pur und verdeutlicht, wie sehr sich die Sprache aber nicht die Ausdrucksform des Verbrechens geändert hat.

Eine Rezension von Ingrid Müller-Münch

Literaturangaben:
Raymond Chandler: Die kleine Schwester
Aus dem amerikanischen Englisch neu übersetzt von Robin Detje
Mit einem Nachwort von Michael Connelly
Diogenes, 352 Seiten, 24 Euro

Stand: 13.11.2020, 13:23