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"Der rote Apfel" von Mi-Ae Seo

Buchcover: "Der rote Apfel" von Mi-Ae Seo

Krimicheck

"Der rote Apfel" von Mi-Ae Seo

Südkorea ist einer der globalen Hotspots für kreative, neue Genreliteratur, sagt unser Krimiexperte Ulrich Noller. Neuestes Beispiel: "Der rote Apfel", erster Roman von Mi-Ae Seo, der ins Deutsche übersetzt wurde. In Südkorea ist sie Stammgast auf den Bestsellerlisten und auch als Drehbuchautorin erfolgreich.

Alles beginnt mit einem nächtlichen Brand in einem Wohnkomplex. Zwei alte Menschen sterben, ihre Enkelin überlebt. Das ist die eine Story, die "Der rote Apfel" erzählt. Auf der zweiten Ebene geht es um die Profilerin Sankyon, die sich darauf einlässt, mit einem Serienmörder zu sprechen. Der "Killer mit dem zarten Gesicht", wie ihn die Medien nennen, hat ausdrücklich nach ihr verlangt. Was hat er vor? Und wieso soll Sankyong zu den Gesprächen einen roten Apfel mitbringen, was hat es mit diesem Symbol auf sich?

Als wäre das nicht genug offene Fragen, schwebt eine weitere und grundlegende Fragestellung über dem Geschehen dieses Romans: Welchen Zusammenhang gibt es eigentlich zwischen den beiden Ebenen? Die Profilerin kommt eines Tages von der Arbeit nach Hause und findet ihren Mann mit einem kleinen Kind vor. Es ist, klar, das Mädchen, das den Brand überlebte, eine Tochter ihres Gatten, von der Sankyong bislang nichts wusste. Und damit geht der Thriller erst so richtig los. Denn die Kleine ist sehr, sehr merkwürdig – zumindest mit den Augen einer Profilerin gesehen...

"Der rote Apfel" ist gekonnt erzählt und gewitzt konstruiert. Eine Serienkillergeschichte samt Milieustudie und Gesellschaftsanalyse, die vor dem Hintergrund der patriarchal geprägten Strukturen Südkoreas auf neue Weise dieser alten Fragestellung nachgeht, was eigentlich "das Böse" ausmacht. Die Antwort, die der Roman am Ende eher spielerisch liefert, ist ziemlich irritierend: Eine letzte Wendung, die einem auch Tage nach der Lektüre noch eiskalt in den Knochen steckt.

Eine Rezension von Ulrich Noller

Literaturangaben:
Mi-Ae Seo: Der rote Apfel
Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee
Heyne Verlag, 352 Seiten, 12,99 Euro

Stand: 20.11.2020, 12:59