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"Der erste Tote" von Tim MacGabhann

Buchcover: "Der erste Tote" von Tim MacGabhann

Krimicheck

"Der erste Tote" von Tim MacGabhann

Überraschend auf Rang 1 der Krimibestenliste: Tim MacGabhann, in Mexiko lebender Ire, erzählt in seinem Debütroman von der tödlichen Ökonomie des Verbrechens am Beispiel der Fracking-Industrie – eine Fiktion, die auf unsagbaren Fakten beruht.

Zwei Journalisten, die es für eine Reportage über die Fracking-Industrie in die Stadt Poza Rica verschlagen hat, finden auf dem Heimweg am Stadtrand eine grausam zugerichtete Leiche. Bei dem Toten handelt es sich um einen jungen Mann, der die örtlichen Proteste angeführt hat – gegen ein Kartell aus Polizei, organisiertem Verbrechen, Politik, Industrie und Sicherheitsdiensten, die Leute also, die auf Kosten anderer und der Umwelt am örtlichen Fracking verdienen.

Reporter Andrew, der Ire, möchte weiter fahren; Carlos, der mexikanische Fotograf, will dran bleiben. Das bezahlt er mit dem Leben – und erst nach und nach realisiert man beim Lesen, dass es viel weniger eine Frage der Ehre ist für Andrew, die Story dann doch komplett zu recherchieren und aufzuklären - als eine der Liebe …

"Der erste Tote" ist ein Journalistenkrimi, der die Koordinaten dieses Subgenres auf eine ganz eigene Weise und mit einem sehr besonderen Twist gekonnt durchspielt. Die starke Energie der Story rührt dabei auch aus ihrer Authentizität: Tim MagGabhann ist selbst irischstämmiger Journalist in Mexiko; er verdichtet und fiktionalisiert die Beobachtungen und Recherchen prototypisch, die er aus Sicherheitsgründen journalistisch nicht aufarbeiten konnte.

Dabei bewahrt er sich durchgängig bis zum Schluss das entsetzte Staunen angesichts dieser verrohten Variante von "Kapitalismus", auf die er hier trifft. Im Unterschied etwa zu den Kartell-Krimis von Don Winslow, wird die unfassbare Gewalt dabei nicht stilisiert, sondern in ihrer ganzen Erbärmlichkeit entlarvt.

Dass dieser Roman im Februar ganz oben auf der Krimibestenliste rangiert, ist überraschend – aber alles andere als unverdient.

Eine Rezension von Ulrich Noller

Literaturangaben:
Tim MacGabhann: Der erste Tote
Aus dem Englischen übersetzt von Conny Lösch
Suhrkamp, 274 Seiten, 15,95 Euro

Stand: 12.02.2021, 13:35