Dmitrij Kapitelman über "Eine Formalie in Kiew"

Texte zum Ukrainekrieg

"Die Wege nach Kiew, die Wege aus Kiew" von Dmitrij Kapitelman

Stand: 04.03.2022, 10:07 Uhr

Viele deutschsprachige Schrifsteller:innen haben Wurzeln in Osteuropa. Haben familiäre, freundschaftliche Verbindungen nach Russland oder in die Ukraine. Sie alle waren mit ihren Büchern schon zu Gast in unserer Sendung. Diese Woche haben wir sie um Texte zum Ukraine-Krieg gebeten.

Dmitrij Kapitelman schreibt über "Die Wege nach Kiew, die Wege aus Kiew". Der in Berlin lebende freie Autor und Journalist wurde 1986 in Kiew geboren und kam mit acht Jahren als Kontigentflüchtling mitseinen Eltern nach Deutschland. Zuletzt erschien sein autofiktionaler Roman "Eine Formalie in Kiew" bei Hanser Berlin.

Veranstaltungshinweis:
Literaturhaus Köln, Sonntag, 06.03.2022, 18 Uhr-19.30 Uhr
Kölner Autorinnen und Autoren lesen Texte ukrainischer Autorinnen und Autoren auf der Bühne des Literaturhaus Köln, vor Publikum und im Livestream.
Eintrittsgelder und Spenden werden über eine souveräne Organisation an notleidende Ukrainer*innen weitergegeben.

Weitere Informationen: https://literaturhaus-koeln.de/programm/standwithukraine-eine-solidaritaetsveranstaltung-fuer-die-bevoelkerung-in-der-ukraine/

"Die Wege nach Kiew, die Wege aus Kiew" von Dmitrij Kapitelman

WDR 5 05.03.2022 03:33 Min. Verfügbar bis 04.03.2023 WDR 5


"Die Wege nach Kiew, die Wege aus Kiew" von Dmitrij Kapitelman

Als Junge glaubte ich, dass man in keine Stadt so simpel findet wie nach Kiew. Ich war wohl zehn und wir lebten schon seit zwei Jahren in Deutschland. Kehrten aber regelmäßig zurück, mit dem Bus. Einen ganzen Tag fuhr man dann immer nur geradeaus die Landstraße entlang. Die große Gerade bis zu meiner grandiosen Geburtsstadt. Ich hatte gar nicht für möglich gehalten, dass Erwachsene solange geradeaus fahren können und war von dieser seltenen Stringenz verzaubert.

Ringsherum blauer Himmel und endlose Weizenfelder - dass eine Landesfahne so fotografisch sein konnte. Manchmal vom Sommer braun gegerbte Kinder, die lachend am Wegesrand in Teiche sprangen und plantschten. Aus der Zeit gefallene sowjetische Ortsschilder. Und immer weiter nach Kiew. "Wir fahren diese eine gerade Linie, weil die Ukraine keine richtigen Schnelltrassen ausgebaut hat", sagte mein Vater dazu recht unromantisch.

Nach Kiew führt derzeit kein Weg mehr. Aus allen Richtungen greifen russische Militärs an. Fehlgeleitet und doch aufgeklärt von ausgetauschten Verkehrsanzeigen, auf denen steht, dass sie sich ficken sollen. Ich weiß nicht, ob ich Kiew je wiedersehen werde. Und was dann noch übrig sein wird von dem, was es einst war.

Immer wieder gehen mir Momente aus der Stadt durch den Kopf. Harmlose Momente: Sich einen Knopf annähen lassen, am großen UKRAINA Supermarkt. Mein liebster Spielzeugladen der Welt am Tolstoj Platz. Die Schlange im Sommer zum Gydro-Park Schwimmbad. Die überschwängliche Stimmung in der Stadt, wenn Dynamo Kiew in der Champions League ein europäisches Spitzenteam besiegt. Oder zumindest ein Unentschieden abtrotzt, das ist auch ein SIEG.

Meine Mutter, die leidenschaftlich schimpft, dass die altehrwürdigen Pflastersteine am Andreijswki Spusk nicht ausgetauscht werden dürfen. Ausgetauschte Pflastersteine als Problem in Kiew – gute Zeiten waren das. Der Himmel ist nun übersäht mit Raketen und Rauch. Die goldenen Weizenfelder?

Die Ukraine ist nach acht Jahren Krieg im Osten eines der von Landminen übersätesten Länder der Welt. Die Kinder am Wegesrand können längst nicht einfach so plantschen, wenn sie alle Gliedmaßen behalten wollen. Vierhunderttausend von ihnen waren schon auf humanitäre Hilfe angewiesen, bevor der nächste Zivilisationsbruch vor unseren Augen geschah.

Das ist das Werk Russlands, das ist das Werk Putins. Hunderttausende fliehen über inzwischen ausgebaute Schnelltrassen in der Ukraine. Oder an Panzerwracks vorbei, durch Wälder. Ein ganzes demokratisches Land – eine Tagesreise mit dem Bus entfernt - von der Besessenheit eines Despoten bedroht. Und es tut so weh zu wissen, dass es keinen auch nur ansatzweise einfachen Weg aus diesem Krieg, aus Putins Krieg zurückgibt.

Buchhinweise:
Dmitrij Kapitelman: Eine Formalie in Kiew
Hanser Berlin, 2021
176 Seiten, 20 Euro

Dmitrij Kapitelman: Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters
Hanser Berlin 2016
288 Seiten, 20 Euro