Buchcover: "Isidor" von Shelle Kupferberg

"Isidor" von Shelle Kupferberg

Stand: 25.08.2022, 21:55 Uhr

Mein Urgroßonkel war ein Dandy. Sein Name war Isidor. Oder Innozenz. Oder Ignaz. Eigentlich aber hieß er Israel. Doch dieser Name war zu verräterisch. Also Isidor oder Innozenz oder Ignaz. Er war ein Emporkömmling, exzentrisch, ein Parvenü, ein Multimillionär, hier und da ein Hoch­stapler, ein Mann der Tat und von Welt, er war eigensinnig und voller Stolz. Wie sonst lässt sich sein Aufstieg aus dem hinterletzten ärmlichen Winkel Ostgaliziens bis in die k. u. k. Metropole Wien zum Shelly Kupferberg hörte bereits als Kind von ihrem Opa Walter immer wieder Geschichten über Urgroßonkel Isidor. Da es ihr Beruf ist, als Journalistin über Kultur und Nazi-Raubkunst zu berichten, und begann sie über sein Leben zu recherchieren.

Dr. Isidor Geller wurde in armen Verhältnissen in Galizien geboren, wanderte nach Wien aus und schaffte es mit festem Willen und großem Geschick bis in die höchsten Kreise der feinen Gesellschaft. Selbst dem ersten Weltkrieg und der Weltwirtschaftskrise konnte er durch geschicktes Handeln großen wirtschaftlichen Erfolg abringen. Isidor liebte die Frauen, die Oper, die bildende Kunst – überhaupt liebte er das Leben. Er entstammte zwar einer tiefgläubigen jüdischen Familie, praktizierte aber selber seinen Glauben kaum noch. Er war ein anerkannter und gefragter Mann, verdrängte den sich immer mehr ausbreitenden Antisemitismus und war sich sicher, dass er sich mit dem erstarkenden barbarischen Regime arrangieren könne. Als die Deutschen in Wien einmarschierten und als die Befreier gefeiert wurden, wäre es für ihn ein Leichtes gewesen, nach England, Amerika oder Palästina auszuwandern.

Shelly Kupferberg gibt dem Schrecken, der unvorstellbaren Unmenschlichkeit und Brutalität, zu denen Menschen fähig sind, ein Gesicht, das ihres Urgroßonkels Isidor. Kein Sachbuch vermag so authentisch und eindringlich zu schildern wie die Mehrheit eines ganzen Volkes zu Verbrechern werden kann. Denn durch das konkrete wirkliche Leben dieses einen Menschen über den sie berichtet, hat man das ganze Ausmaß dieser undenkbar grausamen Zeit direkt vor Augen. Shelly Kupferbergs Familiengeschichte ist ein Buch, das noch lange nachhallt und leider nie an Aktualität verlieren wird.

Eine Rezension von Andreas Wallentin

Literaturangaben:
Shelly Kupferberg: Isidor – Ein jüdisches Leben
Diogenes Verlag, 253 Seiten, 24 Euro