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"Im letzten Licht des Herbstes" von Mary Lawson

Foto Westermann Wallentin im Studio

Gemeinsamer Westermann-Wallentin-Tipp

"Im letzten Licht des Herbstes" von Mary Lawson

Gastland bei der Buchmesse 2021 ist Kanada, genau wie im letzten Jahr, aber 2020 gab es keine Messe, also auch kein Gastland. Jetzt aber klappt es, entsprechend groß ist die Zahl der Neuerscheinungen aus Kanada.

Wir haben uns aus der Fülle einen Roman ausgesucht, vielleicht auch unbewusst genau diesen, weil der Titel so schön zur Jahreszeit passt. Die Stimmung im Buch scheint durch den Titel fast schon vorgegeben. Ein bisschen melancholisch eben. Die Geschichte spielt, na klar, in Kanada, in einer Kleinstadt im Norden der Provinz Ontario.

Rose ist 16 Jahre alt, mitten in der Pubertät, ihre Eltern nerven sie, nach einem Streit verlässt sie das Haus. Keiner weiß, wo sie ist, die Polizei wird eingeschaltet. Die Familie ist in heller Aufregung. Mutter, Vater und die kleine Schwester Clara, die beinahe Tag und Nacht am Wohnzimmerfester sitzt und wartet. Clara ist gut Freund mit Mrs. Orchard, der Nachbarin vom Haus gegenüber, aber die kann sie nicht trösten. Die alte Dame liegt im Krankenhaus.

Eines Tages kommt ein wildfremder Mann und schleppt Kisten ins Haus der Nachbarin. Wer dieser Fremde ist, warum er seine Frau verlässt , von der Großstadt in dieses verschlafene Nest zieht, und warum ihm eine Nachbarin, an die er sich kaum erinnert, ihr Haus vermacht, all die Rätsel und Geheimnisse hat die Autorin in diesen Roman gepackt. Löst sie Stück für Stück ganz sachte auf.

Natürlich ist das spannend, natürlich man will wissen, wie alles zusammenhängt. Genau diese sonderbare Spannung, diese Neugier trägt einen locker durch das Buch. "Menschlich, weise und voller Empathie" hat der Kritiker in einer großen kanadischen Zeitung über den neuen Roman von Mary Lawson geschrieben.

Voller Gefühle, stimmt. Und manchmal war mir da auch ein bisschen zuviel Gefühl. Da wurde es stellenweise fast zuckersüß, die Grenze zum Kitsch scheint gefährlich nahe, je näher man dem Ende kommt. An diesem vorhersehbaren Ende habe ich mich gestört. Und musste mich dann doch überraschend damit versöhnen.

Es kommt nämlich ein bisschen anders als gedacht. Das Ende ist nicht für alle ein glückliches. Und es ist ein zerbrechliches Glück. Weil nach der letzten Seite noch nicht alles erzählt ist, kann ich mir gut vorstellen, dass die Autorin Mary Lawson schon eine Fortsetzung geplant hat. Auch weil das aktuelle Buch, dieses mit dem Herbstlicht, in Kanada ein Bestseller ist.

Eine Rezension von Christine Westermann und Andreas Wallentin

Literaturangaben:
Mary Lawson: Im letzten Licht des Herbstes
Aus dem Englischen von Sabine Lohmann
Heyne Verlag, 2021
333 Seiten, 22 Euro

Stand: 24.09.2021, 09:38