Podcastcover: "Hannes soll kein Russe werden" von Baran Datli und Anton Stanislawsk

Hörbuch der Woche

"Hannes soll kein Russe werden" von Baran Datli und Anton Stanislawsk

Stand: 21.01.2022, 15:10 Uhr

Die Jury des Deutschen Hörbuchpreises hat diese Produktion als "Bester Podcast" nominiert. Zurecht. Die Art und Weise, wie das Team die Geschichte von Hannes erzählt, überzeugt.

In diesem Doku-Podcast sprechen Hannes‘ Mutter, sein Stiefvater, sein Bruder und viele weitere Menschen aus seinem Umfeld über Hannes Leben. Das nahm durch Suizid ein viel zu frühes Ende. Sehr intime Aufnahmen treffen auf Interviews mit Pädagogen, die behördliches Versagen beim Umgang mit Hannes über all die Jahre einordnen und andere Handlungsweisen vorschlagen.

Eine der Familie nahestehende Person vergewaltigt Hannes im Kleinkindalter mehrfach. Diese Ursache für sein auffälliges Verhalten zieht zunächst niemand in Betracht. Die Person ist inzwischen bekannt. Sie bleibt in diesem Podcast anonym und kommt selbstverständlich nicht zu Wort.

Das Autorenduo Anton Stanislawski und Baran Datli nähert sich solchen und anderen belastenden Themen sensibel an. Sie lassen die Hörerschaft an ihrem Findungsprozess teilhaben. Weil sich in Deutschland niemand mehr zu helfen weiß, landet Hannes – zu seinem großen Glück muss man sagen – bei einer Pflegefamilie in Kirgistan.

Auf diese Episode geht auch der Titel des Podcasts zurück: "Hannes soll kein Russe werden". Wider Erwarten geht es ihm in Kirgistan bei seiner Pflegefamilie sehr gut. Er lernt die Sprache, fasst neuen Lebensmut, findet Anschluss. Dann aber muss er zurück nach Deutschland. Er fühlt sich entwurzelt. Hier folgt der Absturz.

Eine leise Ahnung, wie das für ihn gewesen sein muss, bekommt man durch "Hannes soll kein Russe werden". Die Geschichte ist bedrückend und aufreibend, lässt einen mehr als einmal fassungslos und wütend zurück. Die Sprecherinnen Vreni Frost und Tobias Nath gestalten das nicht zu schwer, sondern treffen einen guten, eher sachlichen Ton.

Obwohl wir viel Intimes über Hannes und sein Umfeld erfahren, ist der Blick nie voyeuristisch, sondern von Respekt geprägt. Hannes Geschichte ist ein Plädoyer dafür, bei Kindern genau hinzuschauen - und im Bedarfsfall ganz konkret Hilfe zu leisten, den Leidensdruck aller Beteiligten zu lindern.

Hannes Geschichte ist auch ein Plädoyer dafür, die Förderstrukturen und Systeme zu überdenken, wenn sie nicht verhindern, dass sich Lebenswege wie die von Hannes wiederholen.

Eine Rezension von Christoph Ohrem

Hörbuchangaben:
Anton Stanislawski, Baran Datli: Hannes soll kein Russe werden
Sprecher*innen: Vreni Frost, Tobias Nath
Audible Original Podcast, 7 Stunden, 9,95 Euro