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"Die Flucht und andere Erzählungen" von Clarice Lispector

Hörbuchcover: "Die Flucht und andere Erzählungen" von Clarice Lispector

Hörbuch der Woche

"Die Flucht und andere Erzählungen" von Clarice Lispector

Dieses Hörbuch zeigt, was passiert, wenn zwei starke Frauenstimmen, zwei ungewöhnlich klangvolle Tonarten zueinanderfinden: ein tief-dunkler Glanz entsteht und fast vergessene Geschichten werden quicklebendig.

Hannelore Hoger ist ein ausgemachter Fan der Erzählungen von Clarice Lispector, das erfährt man vom Verlag, aber man hört es auch in jedem gelesenen Satz. Die Erzählungen der ukrainisch-brasilianischen Autorin sind anlässlich ihres 100.Geburtstag erstmals alle auf Deutsch erschienen, Hoger liest ihre persönliche Best-Off-Auswahl.

Es sind Geschichten, in denen sich weibliche Lebensentwürfe aufblättern, schräg, schrill oder scheiternd, oft geprägt vom Wunsch nach Lebendigkeit und Freiheit: Das gilt für eine Henne genau wie für eine Pygmäin und viele andere Frauen. Eine etwa flieht aus dem tristen Alltag ihrer Mittelstands-Ehe, stromert einen Tag herum, denkt sich die Freiheit in bunten Farben und kehrt am Abend doch resigniert zurück. Die innere Bewegung aber war groß, die Beobachtungen traumscharf.

Warum "die Flucht" in der Titelgeschichte dennoch scheitert? Eine Erklärung gibt es nicht, wohl aber den schalen Nachgeschmack, dass ein freies Leben nicht einmal in der Vorstellung der Frau selbst vorgesehen ist. Der Henne geht es da übrigens ganz ähnlich. In "Das Hausmädchen" ist die Frage der Freiheit nach innen verlegt. Der 19-jährigen Eremita – der Name ist Programm - gelingt es, in kurzen geistigen Abwesenheiten zu Tiefe und innerer Unabhängigkeit zu gelangen, allerdings ist ihr diese Gabe nicht bewusst.

Was die Erzählungen nun so bestechend macht ist der Ton, den Clarice Lispector findet: Ironisch-witzig ist dabei kein Widerspruch zu empathisch, forschend und staunend. Mitunter staunt die Schreibende, auch über sich selbst, verheddert sich spielerisch auf der Metaebene der Erzählung.

Hannelore Hoger poliert diesen furchtlosen Ton mit ihrer unnachahmlichen Gelassenheit. Manche Worte lässt sie gerade zu fallen, hebt sie auf, wiegt sie kurz, reicht sie rüber. Perle für Perle werden daraus knapp 2,5 Stunden Hörglück. Einziger Kritikpunkt: Ein paar Musikpausen als Zwischenspiel wären hier und da hilfreich gewesen, um Raum zum Nachklingen zu haben. So drängeln sich die Geschichten ein wenig zu dicht hintereinander.

Eine Rezension von Marija Bakker

Hörbuchangaben:
Clarice Lispector: Die Flucht und andere Geschichten
Gelesen von Hannelore Hoger
Übersetzt aus dem brasilianischen Portugiesisch von Luis Ruby
Random House Audio, 2 Std. 25 Min.

Stand: 14.05.2021, 16:24