Lena Gorelik

Texte zum Ukraine-Krieg

"Die Tage des Krieges zählen" von Lena Gorelik

Stand: 04.03.2022, 09:53 Uhr

Viele deutschsprachige Schrifsteller:innen haben Wurzeln in Osteuropa. Haben familiäre, freundschaftliche Verbindungen nach Russland oder in die Ukraine. Sie alle waren mit ihren Büchern schon zu Gast in unserer Sendung. Diese Woche haben wir sie um Texte zum Ukraine-Krieg gebeten.

"Die Tage des Krieges zählen" - so beginnt der Text, den Lena Gorelik diese Woche an WDR 5 Scala geschickt hat. Wir senden einen Auszug daraus. Den ganzen Text finden Sie bei WDR 5.de unter Bücher.

Lena Gorelik wurde 1981 in Sankt Petersburg geboren und kam als Kind mit ihren Eltern nach Deutschland. Sie lebt als freie Schriftstellerin und Publizistin in München. Zuletzt erschien ihr autobiographischer Roman "Wer wir sind".

"Die Tage des Krieges zählen" von Lena Gorelik

WDR 5 05.03.2022 04:09 Min. Verfügbar bis 04.03.2023 WDR 5


"Die Tage des Krieges zählen" von Lena Gorelik

Die Tage des Krieges zählen, und während ich das tue, versucht mein Gehirn zu erfassen und scheitert erfolgreich: ich zähle die Tage des Krieges. Manchmal gelähmt, manchmal in Aktionismus verfallend, mit dem ständigen Blick aufs Handy: Hat sich jemand gemeldet von dort, wo sie vermutlich nicht die Tage zählen, wo die Zeit keine Rolle mehr spielt?

Ich wurde in Russland geboren, aber fast alle Menschen, die ich aus dem postsowjetischen Raum kenne, haben Familie und Freund:innen in der Ukraine; nun warten wir gemeinsam: Auf Nachrichten von dort. Tauschen Namen und Geschichten aus, reichen sie weiter, betet mit für…, bitten wir einander, obwohl fast niemand, den ich kenne, gläubig ist. Als ginge mit dem erweiterten Bekanntheitsgrad eine größere Wahrscheinlichkeit des Überlebens einher.

Weine, wenn ich höre, dass jemand, den oder die ich nur durch einen Namen, durch eine Geschichte kenne, die Grenze erreicht hat. Höre auf zu arbeiten, höre mit allem auf, was nicht diesen Krieg betrifft, verweigere mich diesem Satz, dass das Leben doch weiter ginge, bin erleichtert, als ich höre, dass es anderen, meist jenen, die ebenfalls aus Osteuropa stammen, auch so geht.

Bilder, Sätze, Ängste strömen, tagsüber, auch nachts. Wache einmal von einem Geräusch auf, von dem ich mir sicher bin, dass es einer Sirene zuzuordnen ist. Öffne die Tagesschau-App, um 2:26 Uhr, wandle ungläubig, taub, weinend durch die Tage, Bilder von rollenden Panzern, fliehenden Menschen, die ihre rollenden Koffer hinter sich her ziehen, Worte, "entnazifizieren", "entmilitarisieren", "in Alarmbereitschaft versetzen".

Jemand schreibt mir, in München, wo ich lebe, gebe es nur zwei Luftschutzbunker, meine Cousine aus Petersburg schickt ihren Sohn nach Estland, damit er nicht eingezogen werden kann, "fühlst du dich nicht gut?", frage ich meine Mutter an einem Abend, an dem sie kränklich aussieht. "Ja", antwortet sie, "heute war ein schwarzer Tag für Russland", es ist der Abend des Tages, an dem die russische Medienaufsicht die letzten unabhängigen Medien wie "Dozhd" und "Echo Moskvy" sperrt. Dann erzählt sie, die Menschen in Russland würden sich nicht trauen, über Skype über den Krieg zu sprechen, während mir eine russische Freundin erzählt, sie habe den Kontakt zu ihrem Vater abgebrochen, der Putin versteht.

"Wirst du schon angegriffen, weil Du Russin bist?", fragen Freund:innen, und ich zucke zusammen, und weiß nicht, warum ich das tue. Weil ich schon lange nicht mehr als Russin bezeichnet worden bin, weil ich mich nationalen Zuschreibungen verweigere, weil ich noch gar nicht daran gedacht habe, an mögliche Angriffe dieser Art? Weil mich erwischt, dass ich mich tatsächlich, seit ich die Tage des Krieges zähle, als Russin schäme, obwohl ich mich als solche niemals bezeichnen würde, obwohl ich als Kind aus Russland ausgewandert bin, obwohl ich nie wahlberechtigt war in diesem Land, und weil all das so ist, erkläre ich mir selbst: Nein, ich schäme mich als Mensch.

Weil wir alle den Menschenrechtsverletzungen, den schamlosen, makabren Angriffen auf Journalist:innen und Oppositionelle, der Annexion der Krim und der niedergeschlagenen Revolution in Belarus zugesehen haben, weil wir uns auf Empörung beschränkt haben, und es hat sich doch schon immer jeglicher Vorstellung erwehrt: dass ein Putin bei Empörung zusammen zuckt.

"Wir haben ein neues Schimpfwort", sagen die Kinder, "jemand ist so ein Putin!", und einmal spricht eines von ihnen von dem Krieg, den Russland führt. Ich weiß, ich bin aufgebracht, als ich den Unterschied zwischen "Putin" und "Russland" erkläre, die Ruhe ist, seit ich die Tage des Krieges zähle, verschwunden; ich weiß nicht, wie sie wieder kehren kann.

Wir wissen, Kriege hören nicht mit einer Waffenruhe auf, weil sie sich durch Lebensläufe ziehen und historisches Erbe bilden, wir wissen, dass sie Folgen haben, und manchmal vergessen wir jene, für die sie das länger tun als für uns.

Buchhinweise:
Lena Gorelik: Wer wir sind
Rowohlt Berlin, 2021
320 Seiten, 22 Euro

Lena Gorelik: Mehr Schwarz als Lila
rowohlt rotfuchs, 2018
256 Seiten, 10 Euro

Lena Gorelik: Null bis unendlich
Rowohlt Taschenbuch, 2017
304 Seiten, 12 Euro