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Gemeinsamer Westermann-Wallentin-Tipp

"Die wärmste aller Farben" von Grégoire Delacourt

Stand: 29.10.2021, 10:36 Uhr

Manchmal ist es ganz gut, wenn man ein Buch erstmal hinten aufschlägt. Nicht auf den letzten Seiten, sondern wirklich ganz hinten, dort wo oft die Danksagungen des Autors stehen. Da begreift man, wie intensiv sich jemand vorbereitet hat, wieviel Arbeit in einem Roman steckt.

Am Ende seines neuen Romans "Die wärmste aller Farben" bedankt sich Grégoire Delacourt bei einer Psychologin, deren Spezialgebiet Kinder mit Asperger Syndrom sind.

Im Mittelpunkt des Romans steht also ein Kind mit Asperger. Geoffroy. Mit dem man nicht kuscheln kann, weil er keine Berührung erträgt. Der einen nicht anschaut, bei Lärm zu schreien beginnt, am Frühstückstisch Fünferpotenzen ausrechnet, seine Schritte zählt, das Essen auf dem Teller sortiert. Nach Farben. Grün mag er, das erinnert ihn an Bäume, an Wald, da fühlt er sich wohl. Während gelb eine Horrorfarbe für ihn ist, Gefahr, Wut, Zorn bedeutet.

Gelb wie die Gelbwesten, bei denen Pierre, sein Vater, mitmacht, Straßen blockiert, um mit zehntausend anderen gegen die soziale Ungerechtigkeit in Frankreich zu protestieren. Ihr Reichen da oben, wir Armen hier unten. Die gelbe Weste seines Vaters, Geoffroy spürt die Aggression, den hellen Zorn. Gelb macht ihm Angst.

Farben spielen eine wichtige Rolle im Leben eines Aspergerkindes. Und diese sehr individuelle Farbenlehre hat der Autor für seinen Roman übernommen: Aquamarin, Karamell, Comanchenrot - so zum Beispiel sind die einzelnen Kapitel überschrieben. Und Veronesergrün. Die schönste aller Farben, denn irgendwann bedeutet sie Liebe.

Ein Roman mit überraschend vielen Wendungen. Dabei kein bisschen kompliziert oder gar langweilig. Im Gegenteil. Pure Magie. Eine Geschichte, die verzaubert, weil sie auf so unterschiedliche Weise begreiflich macht, was Liebe bedeutet. Wie man sie spüren und geben kann.

Eine Rezension von Christine Westermann und Andreas Wallentin

Literaturangaben:
Grégoire Delacourt: Die wärmste aller Farben
Aus dem Französischen von Katrin Segerer
Atlantik Verlag, 2021
248 Seiten, 22 Euro