Buchcover: "Der Markisenmann" von Jan Weiler

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"Der Markisenmann" von Jan Weiler

Stand: 25.03.2022, 10:49 Uhr

Jan Weiler hat den neuen Roman seiner Tochter gewidmet, die vor 10 Jahren den Wunsch äußerte, er könne doch einmal etwas schreiben, was authentisch ist und ihr zudem auch noch gefällt. Eines kann ich versprechen, es gefällt nicht nur Weilers Tochter Milla, dieses Buch ist ein echter Knaller.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Kim. Sie ist heute 31 Jahre alt und blickt auf ihr 15. Lebensjahr zurück, auf die Zeit, als sie mit ihrer Mutter Susanne, ihrem Bruder Geoffrey und ihrem Stiefvater Heiko in einem schicken Haus mit Pool wohnt. In ihrer Patchwork-Familie fühlt sie sich als überflüssiges Anhängsel.

Sie entwickelt sich zu einer notorischen Schulschwänzerin und Gelegenheitsdiebin. Nachdem ein Unglück geschieht, muss sie in den Sommerferien für sechs Wochen zu ihrem Vater, dem "feinen Herrn Papen", wie ihn ihr Stiefvater abschätzig nennt. Ihren leiblichen Vater kennt sie nur von einem unscharfen Foto und hatte 13 Jahre keinen Kontakt zu ihm.

Er wohnt in Duisburg in einer Lagerhalle, ist ein zarter, zerbrechlicher Mann und hat knapp 4000 Markisen aus einem braun-orangen Retrostoff in seiner Lagerhalle liegen, die er kurz nach der Wende aus DDR-Beständen zu einem günstigen Preis gekauft hat. Seitdem putzt er Tag für Tag meist ergebnislos Klinken, um sie zu verkaufen. Was für Kim zunächst als große Enttäuschung beginnt, entwickelt sich zusehends zu einer rasend komischen, nachdenklichen und höchst unterhaltsamen Geschichte und einer gemeinsamen Tour quer durch das Ruhrgebiet.

In diesem Sommer 2002 verändert sich das Leben aller Beteiligten und ein lang gehütetes Familiengeheimnis, das seinen Ursprung in der DDR hatte, wird gelüftet. Der Markisenmann von Jan Weiler ist der schönste Vater-Tochter-Roman, seitdem es Bücher gibt.

Eine Rezension von Andreas Wallentin

Literaturangaben:
Jan Weiler: Der Markisenmann
Heyne Verlag, 2022
336 Seiten, 22 Euro