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Gemeinsamer Westermann-Wallentin-Tipp

"Bullauge" von Friedrich Ani

Stand: 23.09.2022, 11:04 Uhr

Friedrich Ani hat, vorsichtig geschätzt, mehr als drei Dutzend Romane geschrieben, man kommt mit dem Zählen gar nicht richtig nach. Eines haben sie alle gemeinsam. Sie sind dunkel, kommen daher düstere Novembertage. Selbst die Kuschelecken sind vermint, hat der Autor mal über seine Romane gesagt.

Sein neuer Roman erzählt die Geschichte eines Polizisten außer Dienst. Kay Oleander wird auf einer Demo von einer Bierflasche im Gesicht getroffen. Das linke Auge ist zerstört, fortan muss er eine schwarze Augenklappe tragen. Er trifft die Frau, die verdächtigt wird, auf der Neo-Nazi Demo jene Bierflasche geworfen zu haben, die ihn das Augenlicht gekostet hat. Sie vertraut sich ihm an, erzählt von einem geplanten Anschlag der rechten Szene.

Wenn Friedrich Ani schreibt, ist er stets auf der Seite der Resignierten. Menschen, für die das Leben seinen Glanz verloren hat. Und dennoch, das ist der raffinierte Ani-Trick, werden sie durch äußere Umstände gezwungen, zu zeigen, dass sie sich noch nicht ganz aufgegeben haben. Dass noch ein Funke Hoffnung auf das Gute im Menschen in ihnen steckt.

Roman noire nennt der Verlag das Buch. Rabenschwarz, möchte ich ergänzen. Seine andauernde Tristesse macht zwischenzeitlich müde und mürbe, was auch daran liegen könnte, dass der Autor voller Hingabe eine melancholische Sprach-Pirouette nach der anderen dreht. Erst im letzten Drittel nimmt die Handlung Fahrt auf, hat ein spektakuläres Ende, versöhnt mit den Längen, die der Roman durchaus hat.

Eine Rezension von Christine Westermann und Andreas Wallentin

Literaturangaben:
Friedrich Ani: Bullauge
Suhrkamp, 2022
267 Seiten, 23 Euro