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"Reise durch ein fremdes Land" von David Park

Buchcover:  "Reise durch ein fremdes Land" von David Park

Buch der Woche

"Reise durch ein fremdes Land" von David Park

Befreiungsversuch in Eis und Schnee. Ein Mann fährt mit seinem Wagen durch eine frostige Welt und kämpft gegen ein schwarzes Seelenloch, das ihn zu verschlingen droht.

Tom ist Fotograf (Spezialgebiet Hochzeitsfotos), ein nordirischer Mittelklassemann und offenbar treusorgender Familienvater. An einem eisigen, verschneiten Wintertag kratzt er das Auto frei, um sich von Belfast ins englische Sunderland durchzukämpfen, wo sein Sohn Luke fieberkrank im Bett seiner Studentenbude liegt. Bald ist Weihnachten, Tom will den Jungen nach Hause holen.

Es wird nicht viel auf dieser Fahrt passieren. Einmal hilft er nach einem Stopp in einem Supermarkt einer alten Frau, die Einkaufstaschen heimzubringen, dann leistet er Erste Hilfe an einem Unfallort. Kleinigkeiten verglichen mit der Seelenarbeit, die Tom, der Ich-Erzähler der Geschichte, während der Fahrt bewältigen muss, denn mit jedem Kilometer, den er mühsam macht, kommt er einem schwärenden Konflikt näher. Trägt er die Schuld am Tod seines ältesten Sohnes Daniel?

Tom muss sich selbst Rechenschaft ablegen, und dabei geht es nicht nur um Wahrheit, sondern auch um Rettung: Welche Version dieser Vater-Sohn-Geschichte erlaubt es ihm, ohne erdrückende Schuldgefühle weiterzuleben und dabei zugleich seine in den Grundfesten erschütterte Familie zusammenzuhalten? Einer fährt auf ein Ziel zu und kommt dabei sich und seinem Lebensproblem mit jedem Kilometer näher.

Erzählerisch ist das ein alter Hut, und die demonstrativ vereiste Welt als Seelenlandschaft birgt die Gefahr, allzu sehr mit dem Metaphern-Zaunpfahl zu wedeln und die Geschichte damit zu erschlagen. Was hier nicht passiert. David Park ist ein großartiger Autor, der die Symbolik tatsächlich bloß zur eindrücklichen Rahmung dieser Intimgeschichte nutzt.

Wesentlich ist hier die Energie des Ich-Erzählers, der mit sich ins Reine kommen will und dabei doch auch um den heißen Brei tanzt. Ein Mittelklassemann eben, der am Abgrund steht und davon außergewöhnlich suggestiv erzählt.

Eine Rezension von Ferdinand Quante

Literaturangaben:
David Park: Reise durch ein fremdes Land
Aus dem Englischen von Michaela Grabinger
DuMont Buchverlag, 2021
200 Seiten, 20 Euro

Stand: 05.11.2021, 12:35