"Klara und die Sonne" von Kazuo Ishiguro

Buchcover: Kazuo Ishiguro - Klara und die Sonne

Buch der Woche

"Klara und die Sonne" von Kazuo Ishiguro

Von Quante, Ferdinand

Ein zuversichtlicher Roboter macht seltsame Erfahrungen in einer von Trauer und Zweifeln geprägten Menschenwelt. Kazu Ishiguros erster Roman nach Erhalt des Literaturnobelpreises 2017 entwirft das beklemmende Bild einer nicht allzu fernen Zukunft, in der die Grenzen zwischen technischem Geist und menschlicher Individualität fallen.

Der zuversichtliche Roboter heißt Klara, sieht aus wie ein Teenager und hat die Aufgabe, die junge Josie durch die oft einsamen Jahre der Adoleszenz zu begleiten. Klara einen Roboter zu nennen erscheint freilich ungehörig angesichts ihrer Ausstattung. Sie hat Gefühle ganz so wie ein Mensch, ist loyal und in ihrer unverbrüchlichen Zugewandtheit die ideale Gefährtin, um düstere Stimmungen zu vertreiben.

Klara, die Ich-Erzählerin der Geschichte, lebt in einer Welt, die sie sich als selbstlernende KF (Künstliche Freundin) nach und nach aneignen muss. Ihre Beschreibungen sind entsprechend bruchstückhaft, und man muss schon sehr genau lesen, um anhand der wenigen Einzelheiten die Umrisse einer Gesellschaft zu erkennen, die sich in einer technologisch brisanten Übergangszeit befindet. Immer mehr Jobs werden von Robotern übernommen, die von Menschen nicht mehr zu unterscheiden sind, und zugleich sind Jugendliche gezwungen, sich genetisch optimieren zu lassen, um im Wettbewerb der effizientesten Intelligenzen zu bestehen.

Die Grenzlinie zwischen Mensch und Maschine ist kaum noch markiert, wenn nicht in der Figur der hochentwickelten Klara bereits aufgehoben. Was es also heißt, Mensch zu sein, wenn ihn die Maschine an Klugheit, Freundlichkeit und Opferbereitschaft übertrifft, ist die Frage, die Kazuo Ishiguro auf die ihm eigene, unübertreffliche Weise so behutsam wie zwingend entwickelt.

Eine Rezension von Ferdinand Quante

Literaturangaben:
Kazuo Ishiguro: Klara und die Sonne
Aus dem Englischen von Barbara Schaden
Blessing, 350 Seiten, 24 Euro

Stand: 02.04.2021, 11:19