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Buchcover: "Hinterher" von Finn Job

"Hinterher" von Finn Job

Stand: 12.08.2022, 08:28 Uhr

Francesco, der den Erzähler "Boy" nennt, nimmt ihn im maulbeerfarbenen Cayenne seiner Mutter mit Richtung Normandie, wo er eine Kunstaktion in einer Kirche plant. Beide sind Anfang zwanzig und auf Koks. Ihre Reise hat ein surreales Ziel.

Von Neukölln geht es über Amiens in die Normandie. Es sind Sommertage, von Hitze und Alkohol betäubt, klebrig und schwer. In einer halbrenovierten Villa einer französischen Kleinstadt beziehen Francesco und der Erzähler Quartier. Sie gehört Gédéon, der von allen guten Geistern verlassen scheint und mal Hund, mal Katze, mal Märtyrer spielt, eine Villa geerbt hat, aber kein Geld hat und drogenabhängig ist. Francesco beginnt seine Arbeit in einer kleinen Kirche an seiner Kunstinstallation, während der Erzähler sich durch die Tage treiben läßt und nur mit Mühe auf den Beinen hält.

In Rückblicken erzählt er von seinem Leben in Neukölln, wo es Homosexuelle besonders schwer haben und fragt sich immer wieder warum er von Chaim verstoßen wurde und warum dieser nach Tel Aviv zurückgekehrt ist? Das in der Normandie ist eine Momentaufnahme, die er genießt, weil hier ihn nichts an sein früheres Leben erinnert. Und auf Anrufe von Freunden reagiert er nicht, wirft sogar sein Handy ins Meer. Doch scheint ihm sein Leben entglitten. Die Kraft nach einem Neuanfang zu suchen fehlt ihm, auch weil er nicht an einen Neuanfang glaubt. Hoffnung gibt ihm, dem Kunst- und Literaturliebhaber aber die Lektüre Marcel Prousts.

Finn Job zieht in seinem rauschhaften Debütroman viele Sprachregister – vom hohen Ton bis zum delirierenden Trash: verspielt, facettenreich und eigensinnig, erzählt Job von einer jungen Generation, die sich selbst sucht und auf viel Widerstand triff in einer Gesellschaft, die sich immer weiter von den Idealen der Aufklärung zu entfernen scheint. Er erfindet überzeichnet phantasie- und lustvoll seine Figuren. "Hinterher" ist ein exzessiver, ein fiebernder Liebeskummerroman.

Literaturangaben:
Finn Job: Hinterher
Wagenbach Verlag, 186 Seiten, 22 Euro