"Gebrauchtes Glück" von Gabrielle Roy

Buchcover: "Gebrauchtes Glück" von Gabrielle Roy

Buch der Woche

"Gebrauchtes Glück" von Gabrielle Roy

Männer diskutieren die elende Lage, Frauen bewältigen sie. Der in Kanada als Meisterwerk und Grundstein feministischer Literatur gefeierte Roman liegt nun erstmals auf Deutsch vor.

Der 2. Weltkrieg hat die wirtschaftliche Depression verschärft, in einem Arbeiterviertel von Montreal grassiert die Armut. Die zehnköpfige Familie Lacasse schlägt sich durch einen ewig trüben Alltag. Weil der Vater, ein gelernter Schreiner, in Kneipen lieber große Reden schwingt, als die spärlichen Gelegenheitsjobs durchzuhalten, müssen die Mutter und ihre älteste Tochter den völligen Absturz verhindern.

Die 19-jährige Florentine arbeitet als Kellnerin, Mutter Rose-Anna, erneut schwanger, versucht verzweifelt, mit dem nie ausreichenden Geld über die Runden zu kommen. Alle paar Monate sucht sie eine neue Bleibe, weil sie wegen Mietrückstands aus der alten rausmüssen. Beide Frauen tragen eine Last, und sie haben ihre Träume.

Während die Mutter eine Milderung des Elends herbeisehnt, will die Tochter ihm für immer entkommen. Verliebt in einen jungen Mann, der als angehender Ingenieur das Arbeiterviertel bald verlassen will, sieht Florentine den Silberstreif eines Mittelklasselebens, der bald verschwindet, so dass sie gezwungen ist, den Gang der Dinge selbst zu bestimmen.

Auch wenn Gabrielle Roy geschlechtliche Rollenmuster nicht in Frage stellt, gilt ihr 1945 erschienener Roman als feministisches Werk, weil hier erstmals in der kanadischen Literatur das harte Leben von Frauen der Arbeiterklasse und ihre Leistungen in den Blick genommen werden. Und zwar völlig ungeschönt.

Armut ist hier nichts als eine beständige Katastrophe, und Roys genaue Zeichnung vor allem der weiblichen Figuren lässt keinen Raum für Sentimentalität. Was Anteilnahme nicht ausschließt. Stilistisch wirkt der Roman ein wenig angegraut.

Eine allwissende Erzählerin bringt alles, was in Florentine und Rose-Anna vorgeht, restlos zur Sprache. Auch wenn das altbacken wirkt, die psychologische Kraft der Erzählung ist unverblichen.

Eine Rezension von Ferdinand Quante

Literaturangaben:
Gabrielle Roy: Gebrauchtes Glück
Aus dem Französischen von Anabelle Assaf und Sonja Finck
Aufbau Verlag, 2021
455 Seiten, 24 Euro

Stand: 01.10.2021, 13:55