"Eine runde Sache" von Tomer Gardi

Buchcover: "Eine runde Sache" von Tomer Gardi

Buch der Woche

"Eine runde Sache" von Tomer Gardi

Eine Idee, zwei Geschichten: Tomer Gardi schreibt auf Hebräisch und auf Deutsch. Seinen Roman "Eine runde Sache" hat er zwischen beiden Sprachen aufgeteilt. Ein höchst unterhaltsames Experiment mit Mehrwert und Aha-Effekt.

Was könnte wohl passieren, wenn ein Schriftsteller eine Grundidee in zwei verschiedenen Sprachen ausarbeitet? Wenn diese Frage tatsächlich der erste Impuls zu dem Roman “Eine runde Sache“ war, wie Tomer Gardi sagt, dann ist das Ergebnis erst einmal ziemlich überraschend: Zwei Geschichten, die so verschieden sind, dass es unterschiedlicher kaum sein könnte.

Auf den ersten Blick zumindest. Was die Frage aufwirft: Warum dieser Titel – und wie wird da wohl eine runde Sache draus? Doch, das klappt schon, auf verschiedenen Ebenen sogar, so viel kann man vorab durchaus verraten... Tomer Gardi ist bekannt für sein “Broken German“, eine migrantisch geprägte Kunstsprache, die er auf der Straße gelernt und stilisiert hat.

In dieser Tonlage erzählt er – hoch amüsant – den ersten Teil des Romans; die Geschichte eines Mannes namens Tomer Gardi, die immer stärker in eine Geisterbahn-Welt aus (deutschen) Mythen und Märchen gesogen wird, bis er erkennen muss, dass ihm dort eine Funktion zugeschrieben wird: Er hat die Rolle des ewigen Juden. Wie wird der Erzähler wohl damit umgehen?

Im zweiten Teil, der von Anne Birkenbauer elegant aus dem Hebräischen ins Deutsche übertragen wurde, geht es ebenfalls um eine reale Person, den indonesischen Prinzen und Maler Raden Saleh Syarif Bustamann, der im 19. Jahrhundert von den niederländischen Kolonialherren zur Ausbildung nach Europa geschickt wurde und unter anderem lange in Dresden lebte. Zwei Künstlergeschichten also – und zwei Lebenswege, die von Fremdheit und Migration geprägt sind. Das sind Ähnlichkeiten, aber passt das wirklich zusammen?

Im letzten Satz seines Doppelroman belegt Tomer Gardi auch auf der Handlungsebene sehr eindrucksvoll, dass das schon so ist. Dabei geht es um Macht und Mythen – und die Frage der eigenen Sprache, der eigenen Form. Das ist dann auch eine Frage der Freiheit und der Selbstermächtigung.

Eine Rezension von Ulrich Noller

Literaturangaben:
Tomer Gardi: Eine runde Sache
Zur Hälfte aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer
Literaturverlag Droschl, 2021
255 Seiten, 22 Euro

Stand: 12.11.2021, 08:11