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"Die Mittelmeerreise" von Hanns-Josef Ortheil

Buchcover: "Die Mittelmeerreise" von Hanns-Josef Ortheil

Buch der Woche

"Die Mittelmeerreise" von Hanns-Josef Ortheil

Seekrankheit, die Beatles und erste Küsse – Hanns-Josef Ortheil erzählt bewegend und amüsant von der Fahrt auf einem Frachtschiff, die er 1967 gemeinsam mit seinem Vater unternahm. Die Reise von Antwerpen nach Istanbul erwies sich für den jugendlichen Pianisten und Altgriechisch-Schüler als abenteuerlicher Schritt ins Erwachsenenleben.

Nach seinen Bestsellern "Die Moselreise" und "Die Berlinreise" ist "Die Mittelmeerreise" der dritte Roman, den der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil aus Notizen und Tagebucheinträgen, also aus Originaldokumenten seiner Kindheit und Jugend komponiert hat. Dass Ortheil schon als Kind seine alltäglichen Beobachtungen genau notierte, hat damit zu tun, dass er bis zu seinem siebten Lebensjahr nicht sprach. Durch das genaue Beobachten und Benennen der Umgebung, das ihm der Vater beibrachte, befreite er sich langsam aus seiner Sprachlosigkeit (wovon Ortheil in seinem außergewöhnlichen Roman "Die Erfindung des Lebens" erzählt).

Gemeinsam gehen die beiden immer wieder auf Reisen und widmen sich dem "genauen, gescheiten Beobachten". Während in Berlin die Studenten demonstrieren und die USA von Rassenunruhen erschüttert werden, lesen sie Homers "Odyssee", überstehen schwere Stürme und Seekrankheit, schreiben Tagebuch oder Postkarten an die Mutter und diskutieren mit den anderen Besatzungsmitgliedern: Kapitän Reckling, sein erster Offizier Erwin Mühlenthal, Ingenieur Heinrich Segemann und der Steward Denis bilden ein wunderbar skurriles Panoptikum menschlicher Sehnsüchte, Leidenschaften und Schrulligkeiten der fernen Seemannswelt.

Für den angehenden Pianisten, Latein- und Altgriechisch-Schüler wird die Mittelmeerreise auch zu einer persönlichen Odyssee ins moderne Leben. Und auch für den Leser ist Hanns-Josef Ortheils Mittelmeerreise ein Abenteuer. Denn die poetische Präzision, mit der der junge Ortheil seine Beobachtungen und Reflektionen verarbeitet hat, wirkt wie ein Wahrnehmungsverstärker. So schaut man nach dieser häufig auch amüsanten und immer berührenden Reiseerzählung nicht nur anders auf den scheinbar banalen Alltag, sondern gerät durch die Lektüre auf bewegende Weise in intensiven Kontakt mit der eigenen Kindheit und Jugend.

Eine Rezension von Andrea Gerk

Literaturangaben:
Hanns-Josef Ortheil: Die Mittelmeerreise
Luchterhand Verlag, 640 Seiten, 24 Euro

Stand: 11.01.2019, 12:10