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"Die Familie" von Andreas Maier

Buchcover: "Die Familie" von Andreas Maier

Buch der Woche

"Die Familie" von Andreas Maier

Andreas Maier ist ein Chronist seiner hessischen Heimat, der Wetterau. Bereits elf Bände hat er über die Orte seiner Kindheit geschrieben, zuletzt hat er von den 90er Jahren, seiner Studienzeit in "Die Universität" mit Humor und Witz erzählt. Er nennt seine Erzählchronik "Ortsumgehung". In seinem neuesten Buch stößt er mitten hinein in den Kernbereich: die Familie.

Im siebten Teil seiner "Ortsumgehungen" aus der hessischen Heimat in der Wetterau erzählt Andreas Maier von seiner Familie. Abgründe einer Lügengeschichte tun sich auf. Zunächst geht es in "Die Familie", dem siebten des auf elf Teile angelegten autofiktionalen Romanzyklus Andreas Maiers um einen klassischen Generationskonflikt in einer großbürgerlich-konservativ geprägten Familie der 70er Jahre.

Der Bruder rebelliert gegen das Ordnungsprinzip des Vaters: Ellenbogen auf den Tisch, "Das macht man nicht". Andreas Maier, der jüngere Bruder, der aus seiner Sicht erzählt, ist eher der Beobachter, aber mit seinem Bruder solidarisch. Die Schwester wiederum verweigert sich dem spießigen Familienleben komplett und droht in ihrer eigenen Planlosigkeit unterzugehen. Die Zerstörung der Steinmühle auf dem Fabrikgrundstück wegen eines Erbstreits in der Familie leitet einen Wendepunkt in der Familiengeschichte ein und lässt den Erzähler sich fragen, ob er seine Lebensgeschichte neu schreiben muss, denn durch die Enteignung der jüdischen Bevölkerung in der Nazizeit profitierte die Großeltern- und Elterngeneration. Darüber wurde geschwiegen.

Andreas Maier, der sagt, Geschichten entwickeln sich beim Schreiben kommt der sogenannten Arisierung, die seine Familie zu Besitzern des Grundstücks der großen Steinwerksfirma machten, auf die Spur und entdeckt seine Familie als "Schweigefamilie". Und der Erzähler selbst? Er fühlt sich als eine durch die Lügengeschichte der Familie geschaffene Kunstfigur, bezeichnet sich als "Atavar".

Maier legt den Finger in die Wunde der Familie, beschreibt ihre Schuld und zeigt eindringlich die Macht dieses Schweigens.

Eine Rezension von Terrance Albrecht

Literaturangaben:
Andreas Maier: Die Familie
Suhrkamp, 166 Seiten, 20 Euro

Stand: 19.07.2019, 09:48