Buchcover: "Die Diplomatin" vom Lucy Fricke

Buch der Woche

"Die Diplomatin" vom Lucy Fricke

Stand: 17.06.2022, 16:09 Uhr

Die Diplomatin Friederike Andermann, genannt Fred, ist seit über 20 Jahren im diplomatischen Dienst und musste sich für diesen Beruf sehr mühsam die nötige Geduld und Coolness antrainieren. Sie ist erfolgreich, bringt es bis zur Botschafterin. Allerdings verliert sie mehr und mehr die Geduld mit der Diplomatie selbst.

"Ich hatte mich für diesen Beruf entschieden, weil ich etwas bewirken wollte", erklärt Fred, der als Tochter einer alleinerziehenden Kellnerin nicht gerade eine Zukunft als Diplomatin in die Wiege gelegt war.

Nach dem Jura-Studium fehlt ihr zwar der Mut, als kämpferische Anwältin loszulegen, aber sie glaubt an die Diplomatie und tritt in ihren Dienst. Nach zwanzig Jahren an etlichen Krisenorten der Welt ist sie abgebrüht und reif für ein Amt als Botschafterin.

Die erste Station im Roman, Montevideo, Urugay, klingt zunächst wie das Versprechen auf Erholung. Sie muss sich um "Einheitswürstchen" für das Fest zum 3. Oktober kümmern. "Ich stehe da rum und bin nur Deutschland", beschreibt sie den Zustand als Repräsentantin des Landes lakonisch.

Als die Tochter einer einflussreichen deutschen Zeitungsherausgeberin in Uruguay entführt wird, nimmt der Job Fahrt auf, ist aber auch schnell beendet. Zwei Jahre später ist Fred Konsulin in Istanbul. Hier ist das diplomatische Parkett inzwischen eher Glatteis, rutschig und unterkühlt.

Die freundschaftlichen Gespräche zwischen Deutschland und der Türkei werden zwar viel beschworen, in Wirklichkeit aber gehen die türkischen Behörden längst nicht mehr ans Telefon, heißt es. Zudem sitzt aktuell eine deutsch-türkische Kunsthistorikerin im Istanbuler Gefängnis.

Mit Fred schafft Lucy Fricke eine selbstbewusste, humorvolle Heldin, die zwar ganz nüchtern auf ihr Scheitern im privaten Gefühlsleben gucken kann, aber in ihren beruflichen Bemühungen zu scheitern, erträgt sie eben nicht. Was sie sehr mutig macht. Hinter allem steht die Diplomatie selbst als ziemlich abgehalfterte, aber doch unverzichtbare Hauptfigur zur Debatte.

Die Beschreibungen sind offenbar nah an der Wirklichkeit, (das bestätigt selbst der ehemalige Außenminister Heiko Maas in einer persönlichen Rezension). Lucy Fricke hat mit vielen Diplomatinnen und Diplomaten sehr offen sprechen können. Das ist auch spürbar.

Am Ende weht die deutsche Fahne – und damit auch die der Diplomatie - deutlich schlapper als am Anfang. Man wünscht es sich anders und ist doch dankbar für diese Einblicke, die zudem klug und spannend geschrieben sind.

Eine Rezension von Marija Bakker

Literaturangaben:
Lucy Fricke: Die Diplomatin
claassen Verlag, 2022
256 Seiten, 22 Euro