"Der Riss" von Pyun Hye-Young

Buch der Woche

"Der Riss" von Pyun Hye-Young

Familiäre Abgründe: In ihrem Roman "Der Riss" skizziert die Südkoreanerin Hye-young Pyun das Psychogramm einer ganz besonderen Beziehung – eine Groteske, die an die Schmerzgrenze geht.

Ein eigenes Haus, die Karriere läuft, solide verheiratet - der Mittvierziger Ogi, Geographieprofessor in Seoul, führt ein erfolgreiches Leben. Eigentlich. Denn eines Tages, und damit beginnt der Roman "Der Riss", wacht Ogi nach längerem Koma im Krankenhaus auf: Ein Verkehrsunfall, seine Frau ist gestorben, er selbst bewegungsunfähig und ein Pflegefall. Ogi hat keine weiteren Angehörigen, deshalb übernimmt seine Schwiegermutter die Verantwortung und schließlich auch seine Pflege.

Zwei extrem unterschiedliche Menschen, die sich nie viel zu sagen hatten, werden so plötzlich zu einer Familie. Zwangsweise. Beide haben niemanden mehr als einander. Eine Konstellation, die sowieso schon schwierig ist, mit unterschiedlichen Machtverhältnissen angesichts von Ogris Einschränkungen – prekär wird es, als nach und nach einige Geheimnisse des jeweils anderen ans Licht kommen, unerwünschterweise. Das zum Beispiel, dass Ogi und seine Frau kurz vor der Trennung standen, als sich der Unfall ereignete...

"Der Riss" ist der erste Roman von Hye-young Pyun, der ins Deutsche übersetzt wurde: Eine so ungewöhnlich wie gewitzt dramatisierte, im unterhaltsamsten Sinne "böse" Reflexion zum Thema Abhängigkeit – und zugleich ein Psychogramm, das die Abgründe, die in alltäglichen Beziehungen lauern können, auf so unerbittliche wie kreative Weise ausleuchtet.

Eine Rezension von Ullrich Noller

Literaturangaben:
Pyun Hye-young: Der Riss
Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee
btb, 224 Seiten, 18 Euro

Stand: 15.08.2019, 12:41