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"Das neue Herz" von Lina Wolff

Buchcover: "Das neue Herz" von Lina Wolff

Buch der Woche

"Das neue Herz" von Lina Wolff

Sinnsuche unter Lebensgefahr. Lina Wolffs struppiger Roman erzählt eine beinharte Geschichte, die erkennbar gegen den Strich softer Selbstverwirklichungsangebote gebürstet ist.

Eine Frau in Not. Nach Beziehungsdesaster und Burnout im Job reist sie nach Madrid, um wieder in die Spur zu finden. Sie wird Pflegerin eines Demenzkranken, hat aber zugleich einen zufällig aufgelesenen Mann am Hals, der seine Ehefrau betrogen und eine als Publikumsshow aufgezogene Paartherapie hinter sich hat. Die unter dem Titel "Fleisch und Sühne" im Darknet zu streamende Veranstaltung wird geleitet von einer geheimnisvollen Nonne, die nicht unbedingt für Barmherzigkeit steht, denn als Sühne für Untreue und andere Verfehlungen wurde dem Mann auferlegt, der kranken Ehefrau sein Herz zu spenden.

Gewalt und Liebe laufen hier auf verstörende Weise ineinander. Die sinnsuchende Frau, von der brutalen Therapiegeschichte infiziert, wird nach einer Attacke gegen ihren dementen Patienten entlassen, gerät in eine mörderische Situation und anschließend in Kontakt mit der erwähnten Nonne, deren brutale Lebensgeschichte einen neuen Kreis aus Blut und verzweifelter Sinnsuche zieht.

Ob man diese Geschichte nun als satirisch zugespitzte Antwort auf landläufige Achtsamkeitstümelei und verwandte weiche Selbstverwirklichungswege liest oder als exaltierten feministischen Roman (Frauen bestimmen das Geschehen und sind im Gewaltverhältnis der Geschlechter dominant) – "Das neue Herz" ist ein harter Roman jenseits der Grenzen einer ausgewogenen Mittelklassementalität.

Eine Rezension von Ferdinand Quante

Literaturangaben:
Lina Wolff: Das neue Herz
Aus dem Schwedischen von Stefan Pluschkat
Hoffmann und Campe, 2021
270 Seiten, 24 Euro

Stand: 03.09.2021, 17:06